eines riesigen Coups. Denn die Dreiundzwanzigjährige spielte sich mit drei souveränen Siegen ins Hauptfeld und schlug der Reihe nach die an elf gesetzte Slovakin Hantuchova, die Australierin Jessica Moore und die Französin Alizé Cornet, bevor sie von der Russin Dinara Safina, der Weltranglistensiebten, im Achtelfinale gestoppt wurde.


Dieser Einstand auf der großen Bühne im Tennis war nach Grönefelds Absturz eine kleine Sensation. „Mir hat doch niemand zugetraut, dass ich so schnell zurückkomme", meinte selbst Anna-Lena Grönefeld, „aber ich bin wieder da." Den Grund dafür sieht Grönefelds Manager George Pascal in Annas ungeheurer Power. Es gebe nicht viele, die so schnell und dabei kontrolliert den Ball spielen. Hier bei den US Open habe Anna einen Aufschlag mit 208 Stundenkilometer ins Feld gehämmert, den schnellsten aller Zeiten bei den Damen.

Dirk Dier sitzt, einen Laptop in der Hand, mit Philipp Petzschner auf einer Bank im Arthur Ashe Stadion von Flushing Meadow und wartet auf das um Stunden verzögerte Match seines Schützlings gegen die Französin Cornet.

Zeit zum Reden. Ob die lange Warterei schlecht sei? „Nee, nicht für Anna", sagt Dirk Dier, „die ist jetzt im Umkleideraum, hört Musik, liest und hält sich fern von allem. Sie kann damit gut umgehen und macht sich vor einem Match nicht verrückt."

Und er, wie ist er drauf und wozu der PC? „Noch bin ich ganz entspannt und auf dem Laptop wird alles erfasst." Was alles? „Ich kann Ihnen von jedem Ball sagen, wie sie ihn gespielt hat." Er lacht. „Nein! Spaß beiseite. Was ich mache sind Pläne und Notizen über das Training. Was wir vorhaben, umgesetzt haben und was nicht. Oder es sind Aufzeichnungen zum Match. Etwa Spielzeit, Ergebnis und Besonderheiten. Wie Anna, wie die Gegnerein gespielt hat und was gut oder schlecht war."

Ob er das schon immer so mache, und ob er ein Computerfreak sei? „Nicht gerade ein Freak. Ich habe aber Anna anfangs, bevor wir richtig zusammen gearbeitet haben, auf ihre Technik, Spieltaktik, körperliche und mentale Verfassung beobachtet und daraus ein Grundgerüst für sie erstellt. Zusammen mit meinem Partner Wolfgang Knopp machte ich mit diesen Daten einen Leistungsstatus und eine Spieleranalyse, die nun laufend überarbeitet und dem aktuellen Stand angepasst werden."

Und was meint Anna-Lena Grönefeld dazu? „Anna kann sich mit mir identifizieren. Wir sind akribische Arbeiter, zielstrebig und passen gut zusammen." Und treffen Entscheidungen zusammen? „Ja. Auch Anna macht sich wie ich über alles vorher Gedanken, auch wenn man natürlich nicht alles planen kann. Wir planen langfristig. Einen Stillstand gibt es nicht. Und Spaß beim Tennis muss auch sein. Man muss auch genießen und mal feiern können, wenn man was erreicht hat. Aber am nächsten Tag geht die Arbeit weiter."

Grönefeld hat das Match gegen die Nummer 17 im Feld nach der Warterei gewonnen und hinterher gesagt: „Ich habe zeitweise Tennis wie von einem anderen Stern gespielt. Man schwebt auf einer Wolke" Zwei silberne Armreifen unter ihrem Schweißband waren vielleicht dieses Mal die Glücksbringer, denn ein bisschen abergläubisch war Grönefeld schon immer. So benutzte sie bei Turnieren immer die gleiche Dusche nach einem Sieg.

Glück hin, Glück her. Für Dirk Dier ist viel wichtiger: „Anna hat hier bei allen Spielen gezeigt, dass sie wieder will. Wir müssen Geduld haben. Man kann nichts erzwingen. Doch sie ist ja noch jung - und Anna hat Zukunft."

                                                     
Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Oktober 2008  -  DTZ Deutsche Tennis Zeitung
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Anna-Lena Grönefeld 

„Anna hat Zukunft"

Ein Riesenschiss von einem Vogel streift an Annas Kopf vorbei und klatscht auf den Tisch. Anna lacht. „Bringt Glück", sagt der Reporter, „vielleicht wie bei Rainer Schüttler, dem einmal, auch bei den Australian Open, ein Vogel sogar auf den Kopf geschissen hat und er danach ein grandioses Jahr auf der Tour hatte." Und so war es dann auch 2005 bei Anna-Lena Grönefeld. Die blutjunge Blonde stand nach gut einem Jahr auf Platz vierzehn der Weltrangliste und ihre Tenniszukunft sah rosig aus.

Anna-Lena Grönefeld, die Nummer eins der Jugendweltrangliste, hatte sich mit siebzehn Jahren dem Tennistrainer Rafael Font de Mora, einem gnadenlosen Schleifer, der auch ihr ganzes Privatleben kontrollierte, anvertraut. „Ich liebe meinen Job", sagte die damals an der Tennisakademie von Font de Mora in Scottsdale/Arizona trainierende Deutsche und nahm alle Zwänge hin.

Doch plötzlich lief alles ganz anders als geplant. Die sportlich erfolgreiche, aber menschlich auf Dauer nicht zu ertragende Beziehung endete bei den US Open vor zwei Jahren.

Eine harte Zeit für Grönefeld folgte. Sie fühlte sich von ihrem Ex-Coach, der ihr auch eine Millionenklage wegen Vertragsbruch angehängt hatte, bei Turnieren verfolgt und gestört, so dass sie nicht mehr richtig Tennis spielen konnte. „Es ging nicht mehr", sagte Grönefeld, und stieg aus der Damentour aus. Zum Glück kümmerte sich dann der ehemalige Tennisprofi Dirk Dier um sie.

Anna-Lena Grönefeld musste ihr ganzes Leben, das unter Font de Mora nur auf Tennis ausgerichtet war, umstellen. Das gelang ihr zusammen mit Dirk Dier, der sie mit nach Saarbrücken nahm. Die Trainingsbedingungen seien hier optimal, weil das ganze Packet stimme, sagt Dirk Dier. Anna trainiere in seiner Tennisschule beim TC Blau Weiß Saarbrücken oder in der Halle des Landessportbundes auf einem Rebound Ace-Belag wie bei den Australian Open und werde außerdem wie alle A-Kaderathleten am Olympiastützpunkt Saarbrücken rundum betreut.

Vorbei inzwischen das private Drama und die nervenaufreibende, schmerzhafte Odyssee der Tennisspielerin. Anna-Lena Grönefeld will darüber auch nicht mehr viel reden. Diese Zeit sei ein Teil von ihr, aber Vergangenheit, an die sie nicht mehr denken wolle, sagte sie in New York bei den US Open 2008. Sie sei jetzt glücklich und entspannt und habe wieder Spaß an Tennis.

Vorbei auch, dass Anna bei Tennis wie unter ihrem gefeuerten spanischen Coach nur in Englisch denkt. Jetzt denke Anna in Saarländisch, flachst Dirk Dier. „Es freut mich, dass Anna sich voll mit meiner Geschichte identifiziert. Du musst so etwas wollen, um dich wohl zu fühlen. Und Anna fühlt sich wohl in Saarbrücken, einer schönen Stadt, wo wir in Ruhe arbeiten können. Sie geht zum Fußball mit, ist mit meiner Frau und deren Freundinnen gut befreundet und hat inzwischen hier auch eine eigene Wohnung. Es ist toll, dass Anna immer gekämpft und nie resigniert hat. Sie ist halt ein absoluter Profi. Ich bin stolz, dass wir die schwere Zeit so schnell und gut überwunden haben."

Und wie gut! Grönefeld stieg im Mai, nach einer neunmonatigen Turnierpause, zunächst bei einigen Spielen in der Damen-Bundesliga und danach bei kleinen Turnieren wieder ein. „Ich war besonders beeindruckt, wie mental stark Anna gleich war", so Dirk Dier, „denn drei ihrer vier Turniersiege schaffte sie, obwohl ich nicht dabei sein konnte, weil meine Mama gestorben war."

Grönefeld, versunken im Nirgendwo, kam durch diese Erfolge von 436 auf Platz 142 und schaffte damit die „Geradenoch"-Qualifikation für die Qualifikation bei den US Open. Der Anfang


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