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Julia „Jule" Görges
Mit Blechkanister, Gummiband und Tennisball
Fast vierzig Grad im Schatten, kein Lüftchen. Und dann, ich hatte im Spielerbereich gerade noch zwei Gartenstühle unter schattigen Bäumen auf dem einzig grünen Plätzchen des sonst überall betonierten Geländes in Flushing Meadow ergattert, kommt sie an mit ihren langen, braunen Beinen. Eine, die auffällt in ihrem „Just do it"-Nike Dress. Doch noch mehr durch ihr Aussehen. T-Shirt und Schuhe in grellem Signal-Neongrün, dazu sportliche Shorts und einen Schal um den Hals. Schlank, groß, dunkle Haare, blaugrüne Augen: Julia Görges, die attraktive 21-Jährige aus Bad Oldeslohe, ist, wie sie daherkommt, offensichtlich eine coole Person.
Na ja, in der klimatisierten Spielerlounge wollte sie sich nicht unterhalten. Deshalb der Schal. Lieber Bullenhitze, „da kriegt man wenigstens keine Erkältung ab." Entspannt und lässig sitzt Julia Görges dann da, schaut einem direkt in die Augen und schildert offen die Dinge aus ihrer Sicht. Redet über Tennis, Ehrgeiz, Geld, Gesundheit, das Leben und ja - auch über Mode. Ein Thema, an dem man bei ihrem Aussehen nicht vorbeikommt, denn Julia Görges könnte mit ihren 1,80 Meter auch als Fotomodell arbeiten. „Nee, einen Modetick habe ich nicht", sagt sie. Am liebsten trägt sie beim Ausgehen Jeans - „ein bisschen zerfetzt müssen sie aber sein" - darüber sportliche T-Shirts, Tücher und Lederjacke. Designermode ist nicht ihr Ding, auch nicht Shopping: „Es kommt nur einmal alle sechs oder zwölf Monate vor, dass ich richtig shoppen gehe."
Nicht Modeln, kein Filmstar, nee - Tennis sei ihr Leben. „Ich hatte keine anderen Berufsvorstellungen. Für mich war es immer Tennis, das hab ich mir schon in der Schulzeit überlegt. Ich wollte immer werden, was ich bin - eine Tennisspielerin." Kein Wunder, dass die Kids in Zeiten, als Steffi Graf die Tenniswelt verzauberte, sich für Tennis begeistert haben. So auch „Jule", die sogar schon, weil der Vorstand die Eltern beschwatzt hatte, Mitglied im Tennisklub war, als sie noch nicht mal einen Schläger halten konnte.
Hin wie her, mit fünf Jahren fing klein Jule dann an und war auch gleich Feuer und Flamme fürs Tennis. Jule, erzählt die Mutter, habe im Tennisklub nie genug gekriegt, sie habe nach jedem Training mit jedem, der wollte, gespielt, auch an der Ballwand, wenn sich niemand fand. Sie sei so verrückt nach Tennis gewesen, dass sie selbst zu Hause an die Wände geballert habe. Da sei ihnen die Idee gekommen, einen mit Wasser gefüllten Blechkanister vor dem Haus aufzustellen, an dem ein Gummiband mit einem Tennisball befestigt war. Jule, so etwa sieben, acht Jahre alt, habe viel Spaß mit dieser Konstruktion gehabt, weil sie den immer wieder zurückkommenden Ball kreuz und quer spielen konnte.
Verwunderlich Jules Begeisterung und Eifer für Tennis, da das Kind nicht von den Eltern angestachelt wurde. „Die haben auch gespielt, aber nicht lang. Ein Südafrikaner hat mich zuerst trainiert, oh Gott, den Namen hab' ich vergessen. Er war unser Clubtrainer in Oldeslohe." Dann war da noch Mirko Schütte, der Bezirkstrainer, „der hat mit mir, als ich noch klein war, am meisten gemacht."
Gut, aber auch streng, so Julia Görges, sei sie von fürsorglichen Eltern erzogen worden. Und einige wichtige Eigenschaften hätten abgefärbt: „Von meinem Vater hab' ich den Ehrgeiz und von meiner Mutter das Perfektsein. So sind meine Stärken im Sport und überhaupt: mein Kampfgeist, der Wille, zu gewinnen, meine Sache gut zu machen, also auch der Wille, viel zu arbeiten, um ein gutes Leben zu bekommen."
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