Florian „Flo" Mayer

„Tennis ist der absolute Traumberuf, für den ich lebe."
Florian Mayer über seinen Job.
„Ich bin zurückhaltend, offen, ehrlich und nett." Florian Mayer über sich selbst.

Vom Underdog zum Gejagten


Er ist keiner, der auf den Putz haut wie früher Andre Agassi, der Paradiesvogel aus Las Vegas. Doch wenn es um Musik geht, steht er auf Lady Gaga. Verwunderlich, denn eigentlich passt die schrille Lady doch gar nicht zu Florian Mayer, einem ruhigen, bescheidenen und eher introvertiert wirkenden Mann. Schon mit zwanzig Jahren, nachdem er sich überraschend ins Viertelfinale in Wimbledon gespielt hatte, sagte er: „Ich bin doch jetzt kein anderer Mensch. Warum sollte ich plötzlich abheben?" Der Rummel, um seinen tollen Coup, schmeckte „Flo" gar nicht.

Florian Mayers rasanter sportlicher Aufstieg bis auf Platz 33 der Weltrangliste - 2004 war er der ATP-Tour-Aufsteiger des Jahres - geriet aber schnell ins Stocken. Noch nicht einmal sein Minimalziel damals, die Top 50, „schlechter als das, dann wäre ich schon arg enttäuscht", schaffte er in den folgenden Jahren. Schlimmer noch, nach acht Erstrundenniederlagen anfangs 2008 und einer Operation am Finger, blieb er ein halbes Jahr allen Turnieren fern, und viele dachten: „Der kommt nicht wieder."

Von wegen. Ans Aufhören habe er nie gedacht, versicherte Florian Mayer, der bis auf Rang 450 abgerutscht war, und der sich 2009 erst wieder hochspielen musste. Kein Problem für das Balltalent, das mit seiner Spielübersicht, seinem variablen Spiel und vor allem seinen etwas unorthodoxen Schlägen, den eingesprungenen Rückhänden und Stopps, schon immer die Gegner durcheinander bringen konnte. Ende 2010 war der gebürtige Bayreuther schon wieder auf Platz 37. „Ich bin mit dem Jahr sehr zufrieden", sagte Florian Mayer beim Turnier in Basel, „und ohne Verletzung wäre noch mehr drin gewesen. Mein Ziel: Ich will endlich meine beste Platzierung (33) unterbieten und mich unter den Top 30 etablieren."     

In Melbourne, nach einem Sieg gegen Nikolay Davydenko bei den Australien Open 2011, dann ein ungewohnt selbstsicherer und Zufriedenheit ausstrahlender Florian Mayer: „Mental bin ich viel stärker, auch spiele ich viel besser als 2004 in Wimbledon, habe einen stärkeren Aufschlag, bewege mich besser, bin fitter und wenn ich so weiterspiele, komme ich unter die Top 15." Eine Kampfansage des 27-Jährigen nach all den Jahren, in denen er unter seinen Möglichkeiten gespielt hatte.

Und tatsächlich, es ging nun Schlag auf Schlag. Florian Mayer knackte nach Vorschlussrunden in Sydney und Zagreb, Finale in München, Viertelfinale beim ATP World Tour Masters in Rom und dem Sieg mit der Mannschaft in Düsseldorf beim World Team Cup nicht nur seine sieben Jahre alte Bestmarke, sondern kletterte gleich noch auf Platz 19 der Weltrangliste.

Durch seine Erfolge passierte etwas. Der bislang stille und zurückhaltende Mann ist ein anderer geworden. Schon in München bei den BMW Open hörte man von ihm ganz andere Töne: „Ich bin im besten Tennisalter und in einer richtig guten Phase. Es ist keiner da, vor dem ich Angst haben muss." In Paris, bei den French Open, treffen wir den inzwischen besten deutschen Spieler zu einem lockeren, spontanen Gespräch wieder. Ob er zufrieden ist, mit sich, seinem Tennis und seinem Leben? „Im Tennis natürlich, weil ich gut spiele und Spaß habe. Spaß ist ein ganz wichtiger Faktor für mich, auch im Leben, um mich wohl zu fühlen." Und woher kommt seine Motivation? „Dieser Wettkampf, Mann gegen Mann, einfach diese Anspannung vor dem Match, das Gefühl auf dem Platz zu stehen und vor vielen Zuschauern zu kämpfen, ist, was den Sport ausmacht und mich antreibt."



Motivation - vielleicht auch ein bisschen durch seine Freundin? „Na ja, die Carmen (Carmen Klatschka) ist ehemalige Tennisspielerin. Für mich ist es sehr schön, dass ich jemand an meiner Seite habe, die sich im Tennis auskennt und mich begleitet, wie hier, wenn sie Zeit hat. Sie studiert Psychologie und versucht oft, auf Turniere mitzukommen." Passt auch gut, dass beide in München wohnen. Sein 300-Euro-Appartement in der bayrischen TennisBase hat Florian Mayer zwar aufgegeben, aber nicht gegen einen Wohnsitz in Monaco oder in der Schweiz, sondern gegen eine größer Wohnung in der Nähe des Oberhachinger Tenniszentrums, wo Mayer seit vielen Jahren trainiert. Zuerst mit Ulf Fischer, der ihn in jungen Jahren geformt hat, und seit 2009 mit Kumpel Tobias Summerer, einem Ex-Tennisprofi, der mit Flo schon immer an der TennisBase zusammen war und der jetzt seinen ehemaligen Sparringspartner als Tour-Coach begleitet..       

Bodenständig ist er geblieben, der neue Florian Mayer, und mit den Trainings- und Fitnessmöglichkeiten in der TennisBase „super" zufrieden. „Ich habe da ein Rundumpacket. Von Ausdauer, bis Schnelligkeit, Koordination und Krafttraining mache ich alles. Ich trainiere weniger Tennis, denn inzwischen ist es wichtiger, dass ich körperlich topfit bin."

Wie ernst Florian Mayer seinen Job nimmt, und dass er noch richtig ehrgeizig ist, spürt man, wenn er über sich und Dinge neben dem Tennisplatz spricht. „Skifahren würde ich gern, ist mir aber zu gefährlich, denn eine Verletzung kann ich mir nicht leisten." Auch Fußball kommt bei dem Bayern-München-Fan zu kurz. „Ich geh' schon mal ins Stadion, bin aber selten in München und wenn, dann habe ich dafür oft keine Zeit." Auch für seine Hobbys. „Wenn ich zu Hause bin, würde ich gern mehr Zeit haben, um meine Freunde zu treffen." Unterwegs am Abend im Hotel entspannt Florian Mayer sich mit Fernsehen. „Am liebsten guck' ich Sport und da Fußball und Tennis oder schau' mir Filme an. Komödien und Actionfilme. Und zu Hause geh ich gern ins Kino oder gut essen oder lese ein Buch."

Schön, wie locker und offen Florian Mayer geworden ist, denn in der Vergangenheit war er kein Mann, der viel von sich preisgab. Die Medien waren auch nicht sein Ding. Und das JetSet-Leben eines Boris Becker wird nie seine Welt sein. Wie also kann es sein, dass Lady Gaga diesen ruhigen, normalen Typ, dem ihre Sucht nach Aufmerksamkeit eigentlich total abgeht, anzieht? Na ja, es heißt, Gegensätze ziehen sich an. Also kein Zufall - oder doch? 

Überhaupt ist jetzt alles anders. Inzwischen, als Top-20-Spieler, ist er nicht mehr Underdog sondern der Gejagte auf dem Tennisplatz. „Es spielt sich anders, wenn man gesetzt ist und Druck hat. Das ist eine neue Situation, an die ich mich gewöhnen und mit der ich jetzt erst einmal fertig werden muss." Egal, das wird schon mit seinem neuen Selbstbewusstsein. Denn Florian Mayer sagt inzwischen ganz klar: „Ich traue mir fast jeden zu." Dass er jetzt in den Top 20 ist, findet er „super und alles, was jetzt noch kommt, ist für mich Bonus. Ich mach' mir auch keine Gedanken, wie weit ich noch kommen kann. Ich will das Jahr jetzt nur genießen, viele Matchs gewinnen, und dann werden wir sehen, wo ich am Ende des Jahres stehen werde."

Ach ja - da fehlt doch noch was? Florian Mayer muss nicht lange überlegen: „Ein Turniersieg - viermal hab' ich ja schon in einem ATP-Finale gestanden, aber leider viermal verloren. Dennoch, das waren schöne Momente, die ich nicht vergessen werde." Nicht vergessen hat Flo auch seinen ersten Erfolg als Tennisspieler. „Als Bub mit acht Jahren, da hab' ich bei den Bayreuther Stadtmeisterschaften eine Urkunde und Medaille gekriegt."

                                   Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Juli 2011  --  DTZ-Deutsche Tennis Zeitung
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Anmerkung:


Ende September 2011 gelang Florian Mayer im zehnten Profijahr endlich in Bukarest sein erster  ATP-World-Tour-Sieg.

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