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Mit sieben, acht Jahren hat Kohlschreiber dann bei den Bambini und am Wochenende in der Kindermannschaft gespielt und dabei, auch durch die neuen Freunde, richtig Spaß am Tennis bekommen. So mit zehn, elf Jahren ging es dann mehr zur Sache. „Ich bekam viel Einzeltraining und bessere Trainingspartner. Ich hab' da, bis ich nach Oberhaching kam, von einem Ex-Profi in meinem Augsburger Klub viel gelernt."

An der TennisBase des Bayrischen Tennis Verbandes war es dann vor allem der Schwede Stefan Eriksson, dem der damals 14-jährige Kohlschreiber viel zu verdanken hat. „Stefan war so was wie ein Ersatzvater, mit dem ich fast mehr Zeit zusammen war, als mit meinen Eltern. Auf ihn hab' ich gehört. Neben Tennis auch in vielen Lebensdingen. Wir haben ein extrem enges Verhältnis und mögen uns." Auch Michael Geserer und Markus Wislsperger sind für Kohlschreiber nicht nur Trainer, sondern immer auch Freunde gewesen. Über Markus sagt Kohlschreiber: „Wir haben die gleiche Wellenlänge und viel Spaß zusammen, sind positive Menschen und machen unterwegs viele Dinge gemeinsam."

So auch diesmal in New York bei den US Open. Da saßen Kohlschreiber und all seine Kumpel zusammen und vertrieben sich die Zeit vor dem Nacht-Match gegen den Amerikaner John Isner mit Kartenspielen. Im Vorbeigehen sagte ich: „Mach's gut und häng dich rein." - „Ach was", so Kohlschreiber spontan und grinst übers ganze Gesicht: „ich schenk das Ding nachher schnell mal ab."

So ist er, der Mann aus Bayern. Ein Spaßvogel. Oft zu Scherzen aufgelegt und um flotte, lockere, lustige und kecke Sprüche nicht verlegen. „Ich bin kontaktfreudig und reden kann ich auch." Sagt er mit ironischem Unterton. „Ich hatte kein Spaß in der Schule und war faul." Sagt er. „Wenn ich gewinne, ist mir alles andere wurscht." Sagt er. „Einen Psychologen, wozu? Die Tipps waren nichts, auch nicht tief durchatmen." Sagt er. „Jeder Gegner ist machbar, egal wer kommt." Sagt er. „Ich bin einer, der auf die heiße Herdplatte langt und sich die Finger verbrennt."

Und das passiert ihm immer wieder. „Ich bin einer, der offen und ehrlich Kritik übt und nicht darum herum redet, wenn mir was nicht passt. Ich habe auch kein Problem damit, wenn mir einer ehrlich die Meinung sagt." In der Sache hatte Kohlschreiber auch recht, als er in New York zwei Wochen vor der Davis-Cup-Begegnung gegen Australien sagte: „Wir sind kein Team, das durch Freundschaft glänzt. Wir sind unterschiedliche Charaktere." Das wurde ihm angekreidet und hat ihn den sicheren Platz im Team gekostet. Kohlschreiber, ein ehrlicher Typ mit Kanten, ist eben nicht einfach, deshalb aber auch nicht langweilig.

Philipp Kohlschreiber, der gerade beste deutsche Tennisspieler, hat den Top-Ten-Spieler John Isner nach dem Kartenspiel niedergerungen. Und weil es vor Kohlschreibers nächstem Match regnet, klopfen „Kohli" und seine Kumpel Stefan, Markus, Stephan (Manager Fehske) & Co wieder Karten. Es ging lustig zu. Kein Wunder - das Spiel heiße „Arschloch", sagten sie. Sorry - kein Witz (siehe Wikipedia)! Bei dem allgemein beliebten Spiel wird derjenige „König", der seine Karten als erster abgelegt hat und „A…loch" derjenige, der letzter wird. Für Kohlschreiber ein guter Zeitvertreib vor einem Wettkampf: „Da muss ich nicht viel denken und komm' runter vor dem Match."

Schade, den Sprung ins Viertelfinale wie in Wimbledon schaffte Kohlschreiber in New York nicht. Dennoch, das Jahr war, mit dem Sieg in München, Finale in Kitzbühel und seinen guten Grand-Slam-Ergebnissen, das beste in seiner Karriere. Der 28-Jährige wirkt stark, selbstbewusst, zuversichtlich, ehrgeizig und noch immer tennishungrig. Es sieht gut aus und hört sich gut an, was Markus Wislsperger nach dem gegen Tipsarevic verlorenen Match sagte: „Unsere Ansprüche sind höher, ein paar leichte Fehler weg und schon ist da mehr drin." - Na bitte, und das gegen keinen Nobody, sondern die Top neun der Welt.

                                            Eberhard Pino Müller 

publiziert:  Oktober 2012  -  DTZ Deutsche Tennis Zeitung
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Philipp Kohlschreiber


Bei jedem Ball Vollgas geben."


Die Zeit ist gegen ihn. Könnte man meinen. Doch was passiert: Philipp Kohlschreiber schafft, was ihm in seiner etwas mehr als zehnjährigen Profikarriere noch nie gelungen war, den Sprung in die Top 20. Dabei hatte schon der junge Kohlschreiber alles, um ganz oben mitzuspielen. Alle sagten, er habe viel Talent, und es mangelte ihm auch nicht an Selbstbewusstsein.

Vielleicht ein Fehler. Denn hochgelobt zu werden und selbst hohe Ansprüche zu haben, geht nur gut, wenn Erfolge kommen, und nicht nur mal hier, mal da tolle Auftritte. Immer wieder hat Philipp Kohlschreiber ein super Match abgeliefert und gezeigt, dass er spielerisch nicht weit weg ist von den Top-Profis. Doch er weckte nur immer Hoffnungen, der richtige Durchbruch blieb aus.

Zur Erinnerung - 2007 hatte Kohlschreiber vor dem Match gegen Nadal herausposaunt: „Ich werde das Spiel diktieren." Und es war, was niemand für möglich hielt, eine ganz enge Kiste. Oder 2008, wieder in Australien. Er servierte da Andy Roddick, die Nummer fünf der Welt, überraschend ab und tönte selbstbewusst: "Ich bin ein Typ, der sich immer verbessert und ein Top-Ten-Spieler werden will." Doch im nächsten Match kam gleich das Aus, weil er sieben Satzbälle im zweiten und vier im dritten vergeigte. 2009 putzte Kohlschreiber in Paris den Weltranglistenvierten Djokovic in drei glatten Sätzen weg. Super, wenn er nicht gleich zwei Tage später eine Niederlage kassiert hätte. Typisch Kohlschreiber damals: „Das hätte nicht sein dürfen."

Hin wie her - anfangs 2011 meinte Kohlschreiber: „Platz 34 ist schön, aber für mich unbefriedigend." Und was passiert: Er rutscht auf Plätze zwischen 40 und 50 ab. „Das war extrem unbefriedigend", wiederholt sich Kohlschreiber heute, „aber gleichzeitig ein Weckruf, in den letzten Jahren, die ich noch habe, Extra-Energiereserven reinzuwerfen."

Mit Erfolg. Dabei war für ihn die Rückkehr an die TennisBase nach Oberhaching besonders wichtig. „Da wegzugehen, es mit andern Trainern zu probieren, alles mal allein zu managen", gibt Kohlschreiber offen zu, „war nicht gut für mich. Ich brauch' Ruhe und Geborgenheit und die Trainer, die mich schon von klein auf kennen."

Und was war noch ein Knackpunkt für den Sprung in die Top 20? „Es war kein Hexenwerk. Mein Team und ich, wir haben uns auf meine Stärken konzentriert. Dynamisch zu spielen. Mit meinem Topspin zu arbeiten. Bei jedem Ball Vollgas zu geben." Und was zeichnet Kohlschreibers Tennis aus? „Dass ich keine große Schwäche habe, ein guter Allrounder bin, mich am Netz wohl fühle, mein Topspin mit hohem Absprung gefürchtet ist, den Aufschlag stark verbessert habe - ich sag mal, dass das komplette Packet einfach stimmt."

Und was ist mit Niederlagen? „Die verkrafte ich jetzt besser. Sie gehören doch zum Tennis. Ich hab' auch kapiert, aus Niederlagen zu lernen, um danach stärker hervorzugehen." Eine große Hilfe dabei ist Lena, Kohlschreibers Freundin, die ihn seit vielen Jahren fast überall begleitet. „Sie kennt mich und weiß genau, wie ich ticke. Sie baut mich auf, wenn ich mal Frust habe, indem sie von meinem tollen Beruf spricht, mit dem ich doch andere Leute glücklich mache."

Philipp Kohlschreiber begann im Alter von vier Jahren mit Tennis. Wegen seiner Eltern. „Ich war", erzählt Kohlschreiber, „aber recht quengelig, wenn meine Mama Trainerstunden bekam, und deshalb kam man auf die Idee, dass der Trainer sich erst mal mit mir beschäftigen soll, damit ich müde werde. Doch es kam dann so, dass ich mehr oder weniger ihre Stunden bekam." So richtig ernst sei das mit Tennis aber anfangs nicht gewesen, „zumal ich auf Wunsch meines Papas noch Fußball und Eishockey nebenher ausprobiert habe."




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