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ches vermasselt, „weil ich es nicht geschafft habe, unter Druck mein bestes Tennis zu spielen."
Das aber ist seit den US Open vorbei. „Da", sagt Angelique Kerber, „da hat es bei mir klick gemacht." Und wie! Seither spielt sie Tennis wie kaum eine andere auf der Tour. Sie schlug die Top-10-Spielerinnen Sharapova, Bartoli, Li Na, Wozniacki und Kvitova, gewann das Hallenturnier in Paris, holte den Titel in Kopenhagen, stand bei weiteren vier Turnieren im Halbfinale und jetzt bei den French Open unter den letzten acht - Erfolge, die sie ruckzuck zu einer Millionärin gemacht haben, was aber nicht das Wichtigste für sie ist. „Tennis ist meine Leidenschaft", sagt die Linkshänderin, „aber jetzt kann ich auch allein meine Rechnungen bezahlen."
Schön für die Kerbers, denn der Vater Slawek, ein Pole, der nach Deutschland kam, und Mutter Beata, eine Deutsche, mussten hart fürs Geld arbeiten. Der Vater als Tennistrainer. Wojtek Fibak, polnischer Ex-Weltklassespieler und heute polnischer Botschafter in Monaco, erinnert sich noch gut an den jungen Slawek: „Wir waren beide im gleichen Tennisklub in Posen. Und wenn ich, in meiner aktiven Zeit, nach Hause kam, trainierte ich mit Slawek, der einer der Top-Junioren in Polen war."
Klar doch, dass Fibak, der im Stade Pierre de Coubertin wie Angelique Kerber das Hallenturnier in Paris mal gewann, ein Fan von Angelique Kerber ist: „Ich freue mich, dass sie so toll spielt, denn sie ist eine liebenswerte, höfliche und nette Person - und sehr polnisch." Angelique Kerber, die in Deutschland aufwuchs und zur Schule ging, fließend polnisch spricht und einen deutschen und polnischen Pass hat, hängt an Polen. Vor allem an ihren Großeltern, denen in einem Posener Vorort das „Centrum Tenisowe Angie" gehört. Für die 24-Jährige „das zweite Zuhause." Zudem haben ihre besten Freundinnen auf der Tour, die Radwanska-Schwestern und die Caroline Wozniacki, auch polnische Wurzeln.
Typisch und kein Problem für die Frohnatur Kerber ist, dass sie ungezwungen, auch über persönliche Dinge, plaudert und dabei viel lacht. Selbst noch kurz vor elf Uhr abends nach einem langen Tennistag bei den French Open in Paris. Das macht sie sehr sympathisch. Sie erinnert sich noch daran, dass sie mit drei Jahren immer auf dem Tennisplatz war, weil ihr Vater da Trainerstunden gab. „Mit meiner Mutter", erzählt sie, „hab' ich dann Bälle oder auch Luftballons mit dem Schläger hin und her geschubst und dabei viel Spaß gehabt. Auch daheim ballerte ich immer gegen die Wände." In die Schule sei sie gern gegangen. „Ich war zwar ein bisschen tennisverrückt", sagt sie lachend, „aber sonst ein ganz normales Mädchen wie meine Freundinnen."
Einige Träume des tennisverrückten Mädchens, das sich zu einem „Kampftier", wie sie sagt, gemausert hat, sind schon wahr geworden. Doch sie träumt weiter. Wie diesmal in Paris, auch wenn es noch nicht ganz der große Coup war. „Macht nichts", sagte Mutter Beata, als ihre Angie den Sprung ins Halbfinale knapp verpasst hatte, „sie war heute einfach platt." Kein Wunder nach 48 Matches in diesem Jahr. Dennoch, Angelique Kerber kann von mehr träumen, und die Konkurrenz muss sich vorsehen. „Ich weiß", sagt sie, „ich kann auch die Besten der Welt schlagen. Jetzt sind es die andern, die Angst vor mir haben" - und wie.
Eberhard Pino Mueller
publiziert: Juni 2012 -- DTZ Deutsche Tennis Zeitung -- Tennisbibliothek: TAKEOFF-PRESS Presse-Dienst-Süd -- JOURNAL/EURO
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