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Andrea Petkovic und ihr wunderbar verrücktes Comeback


„Ich wollte alles hinschmeißen"


Eine fast unwahrscheinliche, wahnsinnige Geschichte. Da will eine, die schon einmal die Nummer Neun der Welt war, mit Tennis aufhören, nachdem sie bei den French Open 2013 gegen die 156ste so „supergrottenschlecht" gespielt hatte, dass sie nicht einmal die Quali schaffte. Sie hört dann doch nicht auf, obwohl sie ihr Tennis hasst. Und jetzt, genau ein Jahr später, steht diese Spielerin im Halbfinale der French Open.

Das ist die wunderbar verrückte Geschichte, die Andrea Petkovic in Roland Garros über ihr Comeback zu erzählen hatte: „Das Schlimmste war nicht, als ich verletzt war und deswegen in der Rangliste weit abrutschte. Da war ich voller Hoffnung und dachte, das wird wieder, sobald ich wieder spielen kann. Viel schlimmer war, dass ich danach nicht mehr gut spielte. Meine Schläge und Beinarbeit, alles, auch mein Aufschlag war hundsmiserabel. Das hab' ich nicht verkraftet, bin panisch geworden und wollte alles hinschmeißen." Andrea Petkovic dachte auch ans Aufhören, weil sie sich schon einmal nach einer Verletzung von 200 mühsam zurückgekämpft hatte, „und jetzt war ich mir nicht sicher, ob ich diesen harten Weg noch mal gehen will."

Die Wende kam durch Petkovics Turniersieg in Charleston. „Ich hatte zuvor nie ein größeres Turnier gewonnen. Durch den Sieg war ich hinterher mental und körperlicher ausgeglichener, nicht mehr so gestresst und positiver eingestellt." Und auf einmal passierten ihr Dinge nicht mehr, die sie früher aus dem Gleichgewicht gebracht haben. „Ich verliere nicht mehr gleich den Kopf, bleibe geduldig und zuversichtlich. Ich setze mich auch nicht mehr so unter Druck, weil ich mir nach Charleston nichts mehr beweisen muss."

Hinzu kommt, dass Andrea Petkovic seit drei Monaten Eric von Harpen, der früher die Top-Spielerinnen Arantxa Sanchez-Vicario und Conchita Martinez betreut hatte, als neuen Trainer hat. „Eric hat viel Erfahrung und eine Menge Ideen für mein Spiel. Er sagt mir Sachen, oft nur Kleinigkeiten, die mir helfen. Es dauert natürlich, bis ich das, an dem wir arbeiten, umsetzen kann. Ich hab' einen guten Draht zu ihm, denn es ist wichtig, dass ich ihm vertraue und meinen eigenen Dickschädel beiseite lasse. Ich bin auch davon überzeugt, dass ich noch eine bessere Spielerin werden kann."

Das sieht auch Zoran Petkovic, der Papa von Andrea, so. „Jetzt einmal ein alter Trainer, mit dem sie sich anfangs sogar gesiezt hat, ist gut für Andy. Eric macht wieder ein paar neue Sachen, die sie annimmt. Mit mir ist das doch immer ein Hin und Her, weil sie lieber das machen will,  was sie im Kopf hat."

Andrea Petkovic hatte, nachdem sie bei den Sandplatzturnieren nichts „reißen" konnte, keine großen Erwartungen für die French Open. „Dass es so gut laufen würde, hab' ich nicht gedacht. Da würde ich lügen. Nie kam mir in den Sinn, hier das Halbfinale zu spielen. Okay, ich hatte diesmal eine gute Auslosung, aber die Zweitbeste der Welt verlor gegen eine Spielerin, die ich hinterher geschlagen habe. Ich kam übrigens ja auch nicht aus dem Nichts. Ich war schon in drei Grand-Slam-Viertelfinale und habe Charleston und zwei weitere Turniere gewonnen - ganz eine Super-Überraschung ist das also nicht."

Es waren aber keine Spaziergänge für Andrea Petkovic, obgleich es zunächst gegen Spielerinnen ging, die teilweise weit hinter ihr platziert waren. Der Grund war ein Magen-Darm-Virus, der sie total geschwächt und ihr im Spiel gegen Kristina Mladenovic brutal zugesetzt hatte. „Das war das seltsamste Match, das ich je gespielt habe. Ich war nur mit meinem Körper




beschäftigt, nicht mit Tennis, denn ich wollte nur überleben. Es war tough."

Hinterher war nicht nur Andrea Petkovic überglücklich, sondern auch ihr ganzer Clan. Die Mama: „Ich bin fix und fertig mit den Nerven, Gott sei Dank hat sie gewonnen." Die Fed-Cup-Teamchefin Barbara Rittner: „Andy hat drei Kilo abgenommen, war ohne Energie und musste sich wahnsinnig quälen. Sie hat sich aber super durchgebissen." Der Papa: „Ich hab' Andy beim Match immer mein Silikonarmband gezeigt, das sie auch trägt. Da steht drauf: Du musst kämpfen, es ist nichts verloren. Sie weiß dann, was ich ihr sagen will. Das Armband hat sie zusammen mit Jonathan (Heimes), der im TC Darmstadt von mir trainiert wurde und mit zwölf Jahren hessischer Jugendmeister war, kreiert. Und das kam so: Mit 14 Jahren kriegte ‚Jonny' Hirntumore, es folgten eine sechsstündige OP, eine Woche im Koma, 23 Chemos und Bestrahlungen. Mit Trainingsfleiß wurde alles wieder gut. Dann, mit 19 Jahren, Metastasen an der Wirbelsäule. Eine OP hilft nicht, nur Bestrahlungen und Chemos. Seine Beine sind gelähmt. Doch Jonny hat sich wieder mit eisernem Willen zurückgekämpft, und wir haben mit dem 2,50 Euro-Motivationsbändchen schon 100.000 Euro für den Frankfurter Verein „Hilfe für Krebskranke Kinder" zusammengekriegt."

Gerade als Zoran Petkovic mit Erzählen fertig ist, kommt die Tochter freudestrahlend angehüpft, fällt ihrem Papa um den Hals und überraschend gleich auch mir vor lauter Glück. „Oh weh, meine Nerven", stammelt Zoran Petkovic, der bei den Spielen der Tochter immer den gleichen, violetten, ‚magischen' Pulli trägt, „ich bin tot, du musst dir jetzt einen anderen Papa suchen." 

Auch die nächste Runde ist eine Zitterpartie, die Andrea Petkovic wieder in drei engen Sätzen übersteht. „Ich bin anfangs wie von einem Zug überrollt worden, hab' mich aber, nicht wie früher, verrückt gemacht." Auch nicht im Achtelfinale gegen Sara Errani, die hier in den letzten beiden Jahren im Halbfinale und Finale stand. „Ich hatte einen sehr guten Spielplan von meinem Coach, war aber, nachdem ich rückzuck 2:0 zurücklag, etwas verunsichert, aber nicht panisch und hab' mich auf den Plan verlassen." Nach einem glatten Sieg konnte die Darmstädterin wieder jubeln, wie zwanzig aus ihrem Tennisklub extra angereiste Fans, denen Zoran Petkovic Tickets besorgt hatte und Drinks zum Feiern spendierte.

Ein Mega-Erfolg der 26-Jährigen, die im Halbfinale stand, wie Steffi Graf als letzte Deutsche vor fünfzehn Jahren. Doch ihr Traum vom Finale hat ihr die Rumänin Simona Halep vermasselt. „Ich war dicht dran gegen eine Top-Fünf-Spielerin, jedenfalls im zweiten Satz, und das, obwohl ich erst angefangen habe, mit Eric mein Spiel zu verbessern." Und Eric von Harpen wusste auch gleich wie: „Sie hat nicht so entschieden wie gegen Errani gespielt und wohl nicht unbedingt an ein Finale geglaubt."

Es sieht so aus, als sei Andrea Petkovic noch lange nicht an ihrem Limit. Über Alternativen nach Tennis denkt sie nicht mehr wie früher nach, als ihr Journalismus oder Politikwissenschaften vorschwebten. Und weil sie sich gern mit Genies wie Goethe, Freud oder den Philosophen Sartre, Camus und Nietzsche beschäftigt, wird Andrea Petkovic in den Medien oft als Intellektuelle unter den Tennisspielerinnen geführt. „Sollen sie schreiben. Wenn meine Kumpel lesen, ich sei eine Intellektuelle, lachen die sich kaputt." - irgendwie typisch für Andrea Petkovics lockere, herzerfrischende Art.

Wie auch immer, Andrea Petkovic will sich nicht mehr mit zu vielen Dingen verzetteln. „Ich weiß, was ich will. Ich wollte immer eine Tennisspielerin sein - jetzt auch. Und danach wird man sehen." 

                                                                   
                                   Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Juli 2014  -  DTZ Deutsche Tennis Zeitung
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