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Angelique „Angie" Kerber

Ein Traum wird wahr


Es muss schon etwas Außer-, Außer-, Außergewöhnliches passiert sein, dass vier erwachsene Menschen freiwillig im kalten Wasser eines total verdreckten Flusses baden. Dabei eine Frau, die gerade Millionen kassiert hat und sich den Swimmingpool in jedem Luxushotel exklusiv mieten könnte. Es sei, schwärmt sie auch noch, das schönste Bad in ihrem Leben gewesen.

Zu dem verrückten Bad in Melbourne kam es, weil Angelique Kerber sensationell das Endspiel bei den Australien Open gegen Serena Williams gewonnen und zuvor mit einem Fernsehkommentator diese Wette für einen Sieg, wohl im Glauben, dass dies nie passieren würde, abgeschlossen hatte. Und weil Kerbers Überraschungscoup natürlich auch ihr Team verzückte, sprangen Trainer Torben Beltz und Physiotherapeut Simon Iden gleich noch hinterher ins Wasser, wie auch, solidarisch mit den Drei, der Fernsehmann.

Dass Kerber dieser Grand-Slam-Coup bei den Australien Open glücken könnte, war eigentlich so unwahrscheinlich wie ein Sieg einer Kreisklasse-Fußballmannschaft gegen die Kicker von Bayern München. Doch nicht gegen: die Topfavoritin Serena Williams mit 21 Grand-Slam-Titeln, die Weltranglisten-Erste, die beste Spielerin der Welt, die sechsfache WTA-Weltmeisterin, die Amerikanerin mit im vergangenen Jahr 53 Siegen und nur drei Niederlagen, zwei davon wegen Verletzungen. Nicht gegen eine Serena Williams, die zuvor all ihre sechs Melbourne-Park-Finals und all ihre acht Grand-Slam-Finalmatches gewonnen hatte, drei davon im letzten Jahr - und nicht gegen eine, von der Experten sagten, sie spiele in einer eigenen Liga und die andern nur um Platz zwei.

Dagegen war Angelique Kerber, obwohl eine Top-Ten-Spielerin, bei den Grand-Slam-Turnieren gegenüber Serena Williams eine relativ „kleine Nummer". Sie war noch nie über das Halbfinale hinausgekommen, stand also noch nie in einem Grand-Slam-Finale. Sie hat bei den Australian Open schon dreimal in der ersten Runde vergeigt. Auch vor einem Jahr. Sie hatte nicht einmal bei einem der vier Major-Turniere 2015 die zweite Woche erreicht. Sie gewann nur einmal gegen Serena Williams, in Cincinnati 2012, verlor jedoch fünfmal ohne Satzgewinn. Und sie überstand die erste Runde bei den Australian Open 2016 nur nach Abwehr eines Matchballes.

Doch diesmal hat Angelique Kerber die fast unbesiegbare Amerikanerin in einem mitreißenden Finale gepackt. „Als alle Welt einen weiteren deutlichen Sieg von Serena erwartete, schlug die Stunde von Angie Kerber." (Sunday Mirror, England). Sie kann es im ersten Moment selbst nicht fassen: „Ich bin hier und kann sagen, ich bin Grand-Slam-Champion, das ist verrückt, wirklich verrückt. Heute ist ein Tag, den ich nie vergessen werde."

So verrückt auch wieder nicht. Kerber hat immer an sich geglaubt und wollte endlich mal weiter kommen bei den Slams als ins Halbfinale wie 2011 bei den US Open und 2012 in Wimbledon. „Ich habe mein ganzes Leben hart gearbeitet, sagte sie nach ihrem Triumph, „und jetzt stehe ich hier, das ist einfach unglaublich."

Ihr Coach Torben Beltz hat dazu viel beigetragen. Schon in jungen Jahren hat er Kerber trainiert, später auf der WTA-Tour begleitet, gecoacht und nach einer kurzen Trennung, in der es bei Kerber nicht so recht lief, und sie das Gefühl hatte, nicht weiter zu kommen, im März vergangenen Jahres wieder unter seine Fittiche genommen.




Es war zu einer Zeit, als Kerber selbst merkte, „ich muss ein paar Dinge ändern." Und dafür war der langjährige Begleiter Beltz genau der richtige Mann. „Torben kennt mich", sagt Kerber, „kennt mein Spiel, kennt meine mentale Seite und weiß, wie ich ticke." Und was noch wichtig sei, „Torben hat den richtigen Draht zu mir.". Beltz bringt sich auch total ein, das ging dann soweit, dass er sich, solange Angie im Turnier war, nicht rasierte, auch als der Bart zwickte.

Mit Beltz wurde das Trainings- und Fitness-Programm intensiviert. Wich

tig war, den Aufschlag zu verbessern. „Den Aufschlag nur reinschubsen oder reineiern, musste ich abstellen", sagte Kerber. Es gab noch eine Baustelle: Die Nerven besser unter Kontrolle zu halten. Kerber sagt von sich: „Ich bin ein emotionaler Mensch, versuch' jetzt aber im Match ruhiger zu sein, mich nur auf den nächsten Punkt zu konzentrieren und nicht auf den Spielstand, auch nicht, ob es um viel geht." Ob sie denn mit einem Sportpsychologen zusammenarbeite? Darauf Kerber augenzwinkernd: „Gerade nicht, ich weiß alles. Es ist aber nicht leicht, auf dem Platz in entscheidenden Momenten alles umzusetzen."

Angie sei, sagt Beltz, nervenstärker, auch noch drahtiger, noch beweglicher geworden und über die weiter verbesserte Fitness „ist auch noch mehr Zutrauen in den eigenen Auftritt im großen Spiel auf großer Bühne entstanden." Daran hatte es in der Vergangenheit gehapert. Nicht mehr. „In diesen schönsten zwei Wochen meiner Karriere", sagte Kerber, „habe ich mir gezeigt, dass ich eine der besten Spielerinnen der Welt bin."   

Kerber hat es als erste Deutsche nach Steffi Graf (1999 in Paris) geschafft, ein Grand-Slam-Turnier und ebenfalls nach Steffi Graf (1994) die Australian Open zu gewinnen. Das Schöne dabei ist, vor nicht einmal einem Jahr hat Kerber „die Gräfin" in Las Vegas besucht, mit ihrem Idol trainiert und mit Gil Reyes, dem früheren Konditionstrainer von Andre Agassi, viel auf Fitness gemacht. Angie bekam damals von Steffi den positiven Ratschlag: „Du bist auf einem guten Weg, bleib' deiner Linie treu und vertrau dir auch selbst." Kerber hat sich dafür jetzt revanchiert und mit ihrem Grand-Slam-Sieg vereitelt, dass Serena Williams mit 21Titeln mit Grafs 22 Titeln gleichziehen konnte. 

Kerber erhielt natürlich nach ihrem sensationellen und historischen Sieg, der sie auf Platz zwei der Weltrangliste katapultierte, viele anerkennende Zuschriften. Von überall. „Mein Handy ist fast explodiert." Von der Bundeskanzlerin Merkel, Martina Navratilova, Boris Becker, Bastian Schweinsteiger, Ana Ivanovic, Andrea Petkovic, Tommy Haas, Nico Rosberg, Lucas Podolski, Thomas Bach, Dirk Nowitzki, Caroline Wozniacki, Agnieszka Radwanska, Anke Huber, Barbara Rittner, Novak Djokovic, Steffi Graf und und und....

Aber zuerst einmal, nach dem grandiosen Triumph und Tennis-Märchen, meldete Kerber sich bei ihren Liebsten in Kiel und Polen, die alle, wegen der langen Reise, nicht dabei waren. Bei Mutter Beata, Schwester Jessica, Opa Janusz und Oma Maria. „Sie haben am meisten mit mir mitgefiebert und freuen sich jetzt mega", so Kerber, die total an ihrer Familie hängt. „Sie sind für mich die wichtigsten Menschen, und ohne meinen Opa und meine Familie stünde ich jetzt nicht hier."

                     
Eberhard Pino Mueller

publiziert:   März 2016  -- 
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