ZURÜCK ZUR HOMEPAGE



Laura Siegemund und Alexander  Zverev bei den US Open 2020 in New York

Zwei historische deutsche Tenniswunder


Laura Siegemunds Überraschungscoup - was seit 1985, als Claudia Kohde-Kilsch (mit Helena Sukova) den Doppeltitel holte, keine deutsche Spielerin mehr schaffte, gelang nach 35 Jahren Laura Siegemund, die damals noch nicht auf der Welt war, mit ihrer Zufallspartnerin Vera Zvonareva, mit der sie zum ersten Mal spielte. Die beiden harmonierten prächtig und fertigten bis ins Endspiel starke Gegnerinnen, etwa das Duo Victoria Azarenka/Sofia Kenin oder das an zwei gesetzte Doppel Elise Mertens/Aryna Sabalenka ab.

Es war eine Freude, zu sehen, wie Siegemund wild und mit Vollgas auf dem Platz herumfegte. Boris Becker, der das Finale für Eurosport mitkommentierte, meinte: „Laura spielte wie entfesselt und war total im Tunnel." Der Clou, sie bekam im ersten Moment nicht einmal mit, dass sie den Championship-Titel gewonnen hatten. „Ich hab's", sagte sie hinterher, „nicht geschnallt. Erst als mir Vera sagte, it's over (es ist vorbei)." Überglücklich wäre sie der Russin am liebsten, statt mit dem Schläger abzuklatschen, gleich um den Hals gefallen, fragte aber zuerst die Schiedsrichterin, ob sie das dürfe, weil Zvoraneva immer Angst vor einer Disqualifikation hatte, „wenn ich ihr zu nah komme."   

Alexander Zverev im Finale - wieder einmal ein Deutscher nach Boris Becker im Jahr 1995. Die US Open waren eine Achterbahn für Zverev. Mit Kevin Anderson, gleich ein harter Brocken. Mit einem unbequemen Adrian Mannarino, nach dem Hickhack bei der dreistündigen Verzögerung vor dem Match wegen Mannarinos Kontakte zu dem wegen Corona gesperrten Djokovic. Mit Borna Coric, der ihm den ersten Satz ruck zuck 6:1 abnahm. Mit Pablo Carreno Busta, der beim Djokovic-Drama involviert war, und gegen den Zverev einen 2-Satz-Rückstand aufholte, was ihm noch nie zuvor gelungen war. „Mir imponiert, wie Zverev inzwischen stets die Kontrolle über sich selbst behält", schwärmte Boris Becker im Münchner Eurosport-Studio. Es sei unglaublich, was Zverev für ein „Mentalitätsmonster" geworden sei.

Man hat am Fernseher bei der gelungenen Aufholjagd bis lang nach Mitternacht mitgezittert, denn es ging für Zverev zum ersten Mal auch um den Sprung in ein Grand-Slam-Finale. Und was sich da zwischen den Freunden Dominic Thiem und „Sascha" Zverev abgespielt hat, war so einmalig, dass die Tennisikone John McEnroe meinte: „Das Match kann man nicht toppen." Boris Becker sagte dazu: „Ich habe tausende Matches gesehen, so was aber noch nie." Es sei zum Schluss Tennis nicht von diesem Stern gewesen. Und Dominic Thiem umschrieb die Nervenschlacht in einer Videokonferenz mit seinem Bruder Moritz: „geistesgestört, herrlich, wahnsinnig, unmenschlich."

Die ersten beiden Sätze gewinnt überraschend Zverev. Thiem kämpft sich durch eine beherzte Aufholjagd in einen fünften Satz zurück. Zverev breakt Thiem und schlägt bei 5:3 zum Titelgewinn auf. „Die nächsten vier Punkte," sagt da Boris Becker, „werden die schwersten seines Lebens." Und so war es, denn die letzten zwei zum Sieg fehlende Punkte schaffte Zverev nicht. Im ultimativen Tiebreak kulminiert die Spannung. Zverev kämpft wie ein Löwe, wehrt zwei Matchbälle zum 6:6 ab. Wieder hätten ihm zwei Punkte zum Sieg genügt. Doch die holt Thiem und nach 3 Stunden und 59 Minuten seinen ersten Grand-Slam-Titel, den er in drei Endspielen bisher immer verpasst hatte.

Als Zverev bei der Siegerehrung für Thiem das Mikrophone bekam, sagte er mit stockender Stimme, er verdanke alles seinen Eltern, „sie waren immer für mich da, konnten aber nicht kommen, weil sie an Corona erkrankt waren." Da versagte seine Stimme. Er kämpfte mit den Tränen und brachte nur noch ein „Danke" heraus.

Die verpasste Chance verdrängte Alexander Zverev gleich: „Ich denke nicht, dass es meine letzte Chance war", sagte der 23-Jährig und gleich auch zuversichtlich hinterher: „Ich glaube, dass ich eines Tages ein Grand Slam-Turnier gewinnen werde."

                                                                                                         
Eberhard Pino Mueller

publiziert:  15. September 2020  ---       Tennisportal TAKEOFF-PRESS
                                                         Presse-Dienst-Süd  --  JOURNAL/EURO

zurück

                                                                                                                    nächster Beitrag:  Caroline Wozniacki