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Power, Geld & Glamour


Wie sich die Zeiten ändern. Vor Jahren, als sie das Preisgeld der Frauen bei den Australian Open um 300.000 Dollar gekürzt und die Spielerinnen mit Boykott gedroht hatten, frotzelte ein Tenniskommentator: „Schickt die Spielerinnen nach Koojong und gebt ihnen alles, Fahrdienst, Hotel, auch das gleiche Preisgeld wie bei den Männer und schaut, wie viele Zuschauer kommen und wie lang das Fernsehen überträgt."

Schlechte Zeiten damals. Man sagte, viele Spielerinnen seien langweilig und fett, Damentennis monoton, ohne Spannung und überbezahlt.  Und weil auch noch Monica Seles, nach einem Messerattentat, und Jennifer Capriati, nach krummen Touren, ausgefallen waren, und Marie Pierce als zickige und arrogante Diva mit einem gewalttätigen Papa bei den Tennisfans nicht mehr ankam, sehnte man sich nach neuen Gesichtern. Und plötzlich waren sie da. Martina, Anna und Venus. Junge Mädchen, fast noch Kinder. Nick Bolletieri, der Mann mit dem absoluten Blick für talentierte Kids, prophezeite denn auch schon bei den US Open 1996: „Martina Hingis, Anna Kournikowa und Venus Williams, das ist die neue Generation. Sie werden Tennis revolutionieren."

Nach schlechten also wieder gute Zeiten? Martina mit einem für ein so junges Ding unglaublichen Händchen und Köpfchen für das Spiel, Anna weniger mit Tennis, dafür aber als Tennis-Lolita und Venus mit nie zuvor gespieltem Power-Tennis - sie brachten die Wende. Doch das war nur der Anfang. Die bereits abgeschriebene Capriati, aber auch Monica Seles kamen mit Biss zurück. Und Serena, die Schwester von Venus, sowie Kim Clijsters und Justine Henin, die belgischen Teenies, dazu Jelena Dokic und Daniela Hantuchowa mischten plötzlich neben Lindsay Davenport und Amelie Mauresmo auch noch mit.

Der Jubel in neuerer Zeit bei der WTA und den Damenturnieren hatte aber nicht allein mit dem Power-Tennis zu tun - die Technologie hat dem Spiel der Frauen neue Dimensionen ermöglicht -  sondern mit den Power-Frauen und deren Auftreten. So spazierte Serena, die kleinere der Williams-Sisters, blondgefärbt, mit Stirnband und Schuhen in pink, bei den US Open auf den Center Court des Ashe Stadion. Nach kurzem Einschlagen kam die Trainingsjacke runter, und da stand sie plötzlich in einem schwarzen, hautengen „Cat Suit" aus Lycra. Die Zuschauer trauten ihren Augen nicht, so etwas, ein Katzendress als Outfit beim Tennis, das hatte es noch nie gegeben. Hinterher, bei der Pressekonferenz, sagte Serena und kicherte verschmitzt: „Ich mag  den Aufzug, er schmiegt sich toll an und ist sexy."

Sex verkauft sich gut -- natürlich auch beim Tennis. Und eine, die das richtig raus hat, ist Anna Kournikowa. Egal auch, ob beim Einkaufen auf dem Rodeo Drive oder der Fifth Avenue, bei einem Bummel in Paris, am Strand von Miami Beach oder in den Bars von New York, immer sind Paparazzis hinter ihr her. Anna, jung, kess und sexy, hat das gewisse Etwas. Sie weiß das, ihre Werbepartner natürlich auch, und so war sie denen bis jetzt gut und gern 150 Millionen Dollar wert. Die Russin ist eine der am meisten fotografierten und bewunderten Frauen im Sport. Ihre PR-Auftritte mit Leoparden-BH, Minidress und hochhackigen Schuhen sind Renner, im Internet klicken sich täglich  250.000 Anna-Fans ein und selbst bei jedem Training gucken ihr mehr Leute zu als vielen anderen beim Match. Das schafft Neid bei der Konkurrenz, denn ihre Erfolge bei Turnieren stehen in keinem Verhältnis zu der Aufmerksamkeit, die sie überall kriegt.

Das motiviert aber auch andere, auf der Sex-Welle zu reiten. Der WTA heizt den Sexismus zwar nicht an, lässt die Spielerinnen aber machen. Auch Billie Jean King, die Vorkämpferin im Frauentennis, sieht den Sex-Trend eher positiv: „Selbst wenn du Tennis nicht so magst, gibt es jetzt wenigstens etwas zu gucken."

„Unser Aussehen ist wichtig," sagt Mary Pierce, „Tennis gehört doch zur Unterhaltungsbranche." Wer nebenher richtig viel Geld machen will, das gilt vor allem für die Topspielerinnen, muss in der Glamour-Welt verkehren und


Statussymbolen huldigen, einen Porsche fahren oder besser gleich einen Ferrari wie Jennifer Capriati, muss Designer Klamotten tragen von Prada und Gucci wie Daniela Hantuchowa oder von Versace und Dolce & Gabbana wie die Williams-  Sister -  man muss hippig und chic zugleich aussehen.                                                                                     
                   

So sagt denn auch Serena: „Alles, was ich trage, sogar die Socken, ist geplant - kein Teil ist Zufall." Diamanten an den Ohren, um den Hals, die Finger und das Handgelenk, dazu silberglänzenden Satin und Chiffon mit weißem Pelz oder grelles Neon für Leggings und hautenge Tops, etwa wie das die Schwerkraft herausfordernde BH-Oberteil von Venus bei den Australian Open, oder purpurrote, grüne und weiße Glasperlen im Haar wie in Wimbledon, immer machen die beiden auf Mode und Aussehen und zeigen dabei offenherzig und selbstbewusst ihre kaffeebraune Haut. Serena hat auch gleich noch einen Aktion Coach angeheuert, der ihr sagt, was sie tun muss, dass es bei ihren Auftritten immer richtig zur Sache geht.

In der Zwischenzeit  wurden die Williams, mit der perfekten Mischung aus Persönlichkeit und Power, zu Berühmtheiten mit Millionenverträgen. „Serena und Venus", sagt Stephanie Tolleson, deren Repräsentantin bei IMG, „haben einen riesigen Marktwert." Und der wird von Big Daddy, dem Vater Richard Williams, ganz genau überwacht. Schon immer. „Meine Töchter", sagte er mal, als diese noch Kinder waren, „kann man nicht kaufen." Er schlug alle, selbst die tollsten Angebote, jahrelang aus und machte so die Manager, die hinter seinen talentierten Kids her waren, richtig heiß.

Mit der Zeit schlug er dann doch zu. Und wie. Zuerst mal mit Venus. Die unterschrieb bei Reebok und kriegt 38 Millionen Dollar in fünf Jahren. Mit Serena war zunächst nicht soviel drin. Nur zwei Millionen im Jahr bei Puma. Doch der Vertrag lief aus und jetzt musste natürlich auch für sie viel mehr herausspringen. Darauf hat Richard Williams, ja der ganze Clan, hingearbeitet. Sagt man. Denn mit jedem großen Sieg stieg ihr Marktwert. Und es hatte geklappt. Sie gewann Roland Garros, Wimbledon, die US Open, dazu fünf weitere Turniere in 2002-- auch immer dann, wenn sie gegen ihre ältere Schwester kam, und soll nun, erfolgsabhängig, von Nike bis zu 50 Millionen Dollar in den nächsten Jahren bekommen. 

Ob Serena, die bei den drei Grand Slam-Turnieren und in Miami - übrigens die einzigen Turniere 2002, wo sie zusammen antraten und gegeneinander kamen - immer wirklich besser war als Venus, wird bezweifelt. Zum einen, weil es früher schon Geschwister-Duelle gab, die nach einem abgekarteten Spiel aussahen. Etwa 2000 in Wimbledon, als Venus, noch ohne Grand Slam-Sieg, offensichtlich immer, wenn es darauf ankam, Punkte von Serena „geschenkt" bekam, oder 2001 in Indian Wells, als die Russin Dementijewa, über das anstehende Match zwischen Venus und Serena freiheraus sagte: „Die Siegerin wird doch von Richard bestimmt." Und siehe da, Serena kam tatsächlich kampflos ins Finale.

Und dann gibt es auch noch die Geschichte von Franklin Davis, einem Neffen von Richard, im „Enquirer", der gesagt haben soll, Richard mische bei Familienduellen mit, um die Einkünfte seiner Töchter zu maximieren. Nun denn, Big Daddy hatte immer das Sagen und bestimmte im Clan über Training, Geld, Verträge -- die Karriere. Und weil er seine Töchter von den anderen Spielerinnen fern hält, sind die beiden, zumal auch Neid und Missgunst hinzukommen, nicht gerade beliebt. „Die Williams", sagt Lindsay Davenport deshalb und trifft den Nagel auf den Kopf, „sind schuld an so manchem Drama, sie sind aber das Beste, was dem Tennis passieren konnte." Was nach Serena-Dominanz aussah in 2002 und den Grand Slam-Siegen gegen Venus bei den Australian Open und in Wimbledon 2003 könnte auch Taktik gewesen sein. Man wird sehen, wie es weitergeht, denn nun wäre mal wieder Venus daran.

Rosige Zeiten  --  oder nicht? Mit den grandios aufspielenden Belgierinnen, den Williams-Sisters, Russinnen und dem Rest der Welt ist es spannend geworden und nicht nur weil Sexappeal mit im Spiel ist. Auch sind doch Konflikte und ein bisschen Drama anstelle von Nettigkeiten zwischen den Power-Frauen so schlecht nicht - sie wollen doch, dass man über sie spricht. 

                                                 Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Februar 2003  DTZ  Deutsche Tennis Zeitung
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