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Wer gehört in die Tenniselite-Liga? Viele junge Kandidaten bei den Tennisprofis. Und wer bei den Tennisfrauen? Die Amerikanerinnen und die Belgierinnen natürlich - und die Russinnen kommen.
Kampf um die Spitze
Die Nummer eins gegen den 86-sten der Welt ist nicht das, was Tennisfans sich wünschen in einem Grand Slam-Finale. Völlig unerwartet kam aber auch schon 2003 ein Rainer Schüttler ins Endspiel bei den Australian Open. Doch während sich damals viele in Deutschland und Millionen in aller Welt verwundert die Augen rieben, konnten alle das Finale 2004 zwischen Federer und Safin kaum erwarten. Marat Safin, einer der talentiertesten und genialsten Spieler der Tour, spielte in Melbourne, nach einem Jahr mit vielen Verletzungen, groß auf, servierte Roddick und Agassi ab und gehört, wie Federer, der den Russen im Endspiel in Australien bezwang, zu den heißesten Anwärtern auf den Tennis-Thron.
Inzwischen, nach der faustdicken Überraschung vor 12 Monaten in Down Under, kennt man Rainer Schüttler überall auf den Tennisturnieren der Welt. Der Mann hat alle geschlagen, einen Roddick, Federer, Agassi, Ferrero, Hewitt, Moya, Coria, sich auch zwei weitere Titel geholt und 2003 auf Platz sechs in der Weltrangliste vorgearbeitet. Soll also keiner sagen, Tennis sei in Deutschland „im Leichenhaus".
Und da ist auch noch Nicolas Kiefer. Ein Supertalent, eigentlich. Doch auch 2003 und 2004 kam er nicht an die Form heran, die ihn schon mal unter die Top zehn gebracht hatte. Nur selten hat er gezeigt, was in ihm steckt. Vielleicht aber jetzt, mit seinem neuen Coach, der ihm mehr Selbstvertrauen einflößt. Betreuer, die das schaffen, sind Gold wert und Teams wie Hewitt-Stoltenberg, Ferrero-Martinez, Schüttler-Hordorff oder Roddick-Gilbert der Beweis.
Bis vielleicht einmal eines der jungen deutschen Talente, ein Petzschner, Kohlschreiber, Zverev, den Sprung unter die Topspieler schaffen könnte, wird noch einige Zeit vergehen. Bleibt also nur noch Tommy Hass, dem man alles zutrauen kann - wenn er sich nach der langen Verletzungspause wieder richtig reinhängt und ihm Tennis, wie er vorgibt, wirklich viel bedeutet. Doch die Konkurrenz ist groß.
Eine Konkurrenz wie noch nie. Sampras wusste genau, dass es gut war, Schluss zu machen. „Wir haben", sagte er, „eine breite Spitze, und die sogenannte Spitze ist nur wenig entfernt vom Durchschnitt." Und daher ist es keine Überraschung, wenn Topspieler in den ersten Runden verlieren. Das Material der Schläger und Saiten hat damit zu tun. Todd Martin, Veteran unter den Profis, hat noch mit kleinen Holzschlägern Tennis spielen gelernt. „Damit", so der Amerikaner, „musste man den Ball richtig treffen."
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Heute wird vor allem draufgehauen, dass es kracht, und mit den Wundersaiten, die Agassi als Erster gespielt hatte, ist die Chance groß, die Kugel gut zu treffen. Das Spiel sei nicht leichter geworden, glaubt Todd Martin, „aber die talentierteren Spieler können sich jetzt nicht mehr so von den anderen abheben."
Und so kommt es, dass sogar bei den großen Turnieren immer häufiger Spieler im Finale stehen, mit denen keiner gerechnet hatte. Johanson 2002 in Melbourne. Nalbandian 2002 in Wimbledon, dabei hatte der Argentinier nie zuvor auf Gras Turnier gespielt. Oder Verkerk, 2003 in Paris, der bis zum Finale nicht zu stoppen war, obwohl der lange Kerl mit dem Bombenaufschlag bei Grand Slams nie zuvor ein Match gewonnen hatte.
Interessant auch, dass es in den letzten beiden Jahren bei den acht Grand Slam-Turnieren acht verschiedene Sieger und 2003 bei den vier Endspielen sieben verschiedene Finalisten gab: Agassi und Schüttler in Melbourne, Ferrero und Verkerk in Paris, Federer und Philippoussis in Wimbledon, Roddick und Ferrero in New York. Auch bei den neun Masters Turnieren 2003 ging achtmal ein anderer Gewinner vom Platz.
Fast alles ist möglich im Tennis, weil es viele hungrige Jungs gibt, mit Feuer in den Augen und Power im Arm: die Amerikaner Roddick, Fish und Ginepri, die Spanier Ferrer Robredo und Nadal, die Argentinier Monaco und Nalbandian, wobei der nationale Machtkampf in diesen Ländern die Himmelstürmer zusätzlich beflügelt. Und dazu natürlich auch noch der Schweizer Federer, der Russe Safin und der Australier Hewitt. Sie sind die Zukunft und werden um die Plätze an der Spitze kämpfen. „Das Niveau", sagt Patrick McEnroe, der amerikanische Davis Cup-Coach, „das Niveau im Tennis heutzutage ist unglaublich." Tennis der Männer wird interessant und zugleich spannend sein, und gut möglich, mit einem dauernden Wechsel an der Spitze.
Und was tut sich im Frauentennis? Wo sind die Wunderkinder? Mit Zöpfen, Zahnspangen und dünnen Beinchen platzen früher Teenager wie Andrea Jäger, Tracy Austin, Steffi Graf, Monica Seles und Jennifer Capriati bei der Damentour herein. Danach ging das nicht mehr in so frühem Alter, weil die WTA die Kinder, um sie nicht schon früh, ausgebrannt, zu verlieren, nur noch zu wenigen Turnieren zuließ,. Die Mädchen spielten deshalb gleichzeitig noch die Juniortour. Und so starteten Hingis, Mauresmo, Clijsters und Henin ihre Karriere auf dem ITF Junior Circuit, einer guten Schule, um dem Druck der Damentour standzuhalten.
Doch nach dem Abgang von Hingis war Frauentennis langweilig geworden, weil immer dieselben siegten: mal Venus Williams, mal Serena. Das Gute aber daran war, alle mussten, um an die übermächtigen Schwestern heranzukommen, ihr Tennis stark verbessern. Und deshalb wird inzwischen auf ganz anderem Niveau gespielt.
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