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Alpine Ski-WM 2013 - Knüller und Dramen
Wunder-Helden, Beinahe-Helden und Ex-Helden
Die Tragödie - Es sollte eine tolle WM werden, denn sie war wieder super drauf. Und dann das. Das erste Rennen. Der Super-G. Sie ist grandios unterwegs. Dann ein Riesensatz mit vollem Risiko und dabei passiert es. Sie verkantet bei der Landung, stürzt, wird ausgehebelt, macht einen Überschlag, rasiert ein Streckentor und schreit bei der ganzen Rutschpartie jämmerlich. US-Ski-Star Lindsey Vonn liegt regungslos da - ein Häuflein Elend mit allen im Schnee begrabenen Hoffnungen und Medaillen. Abtransport mit dem Hubschrauber. Diagnose im Hospital: Kreuz- und Innenbandriss mit Bruch des Schienbeinkopfes. Bitter, bitter, bitter!
Der Wahnsinn - „Ich war für die WM nicht qualifiziert, saß traurig daheim herum und fuhr nur zum Spaß ein bisschen Ski mit meiner siebenjährigen Nichte", sagte er. Plötzlich ein Anruf. Ein Rennkollege fiel für die WM aus. Gauthier de Tessieres durfte einspringen und beim WM-Super-G starten. Ohne Vorbereitung. Der Lauf seines Lebens. Zweiter Platz, knapp vor dem haushohen Favoriten Aksel Lund Svindal. Der 31-jährigen Franzosen, der eigentlich noch nie einen Podestplatz geschafft hatte, konnte sein Glück nicht fassen: „Crazy, fou, absurd" - einfach verrückt und wahnsinnig.
Die Ski-Beauty - Im Zielraum, nach einem guten Rennen, schlägt sie immer vor Freude und zur Belustigung der Fans in voller Montur ein Rad. Tina Maze, die Slowenin, ist eine lustige Person - extrovertiert eben. So versucht sie sich auch als Sängerin auf der Bühne - und nicht schlecht. Einer ihrer Songs stürmte ruck zuck auf den ersten Platz in den slowenischen Charts. Und auf Skiern ist sie in diesem Jahr Extraklasse - und holte WM-Gold im Super-G, wo sie bisher noch nie gewonnen hatte. Und, weil's so schön war, gleich noch Silber in der Super-Kombi und im Riesenslalom.
Der Hammer - Das war für Maria Höfl-Riesch ihr Super-Kombi-Gold in Schladming. „Super, grandios, wahnsinnig" - das Golden-Girl war außer sich, weil es eine Medaille war, mit der sie nie gerechnet hatte. Eher schon ihre Verehrer die Troglauer Buam. Die „Heavy-Volxmusiker" hatten ihr einen eigenen, rockigen WM-Song mit dem Titel „The elegance of speed" gewidmet - ein Volltreffer.
Der Super-Hero - Ted Ligety ist einer wie sein Landsmann Bode Miller. Ob ankommen oder nicht - egal. Sie fahren immer volle Kanne auf Biegen und Brechen und stehen dabei locker und lässig wie die Freeskier auf den Brettern. Einfach genial wie der Draufgänger Ligety mit einem Husarenritt die verdammt schwierige WM-Piste runter gerast war und dem großen Favoriten Aksel Lund Svindal den Super-G-Titel wegschnappte. Nicht genug. Der US-Sunnyboy holte auch Gold in der Super-Kombi und dann noch Gold im Riesenslalom. Logisch - so wie der Ski fährt. „Hier dreimal Gold, das ist cool", sagte Ted nur kurz und trocken. Dass so ein Kunststück Jean-Claude Killy 1968 in Grenoble zum letzten Mal geglückt war, hatte den bescheidenen Super-Star der WM nicht gejuckt.
Der Ski-Prinz - Er war schon bei fünf Olympischen Winterspielen und fünfzehn alpinen Ski-Weltmeisterschaften dabei - für Mexiko, sein Geburtsland. Prinz Hubertus von Hohenlohe, der blaublütige Exot im Skizirkus, fährt und fährt auf allen Rennpisten der Welt - allerdings halt zehn, zwanzig, dreißig Sekunden hinterher. Macht nix. Na ja, sein Trainer Kilian Albrecht, ein ehemaliger Rennläufer, glaubt:
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„Für Hubertus ist der Zirkus neben dem Rennen sowieso wichtiger als Erfolg." Auch hier, wo er frech einen Damen-Ski fuhr und erwischt und disqualifiziert wurde - auch das noch.
Die Wunder-Heldin - Die Abfahrt der Damen war ein absurdes Rennen - soll ja vorkommen. Die „heißen Eisen" waren dem Druck nicht gewachsen. Die dreißigjährige Französin Marion Rolland hatte keinen. Warum auch? Sie hatte es in ihrer langen Karriere bei Großereignissen nie aufs „Stockerl" geschafft. Aber jetzt sogar ganz nach oben. Die älteste WM-Abfahrtssiegerin hatte wie Nadia Fanchini und Maria Höfl-Riesch, die andern auf dem Treppchen, schon böse Skiverletzungen, weshalb Maria witzelte: „Das ist ja ein echtes Kreuzband-Podium."
Das Bronze-Team - Ein bisschen hatten die Deutschen auf Gold oder Silber gehofft, doch zum Schluss waren sie mit Bronze noch gut bedient. Das österreichische Team hatte Neureuther, Höfl-Riesch & Co nass gemacht. Zur Schadenfreude der Fans der Alpen-Republik, die uns gleich lautstark veräppelt haben: „Österreich vier, Deutschland null." Aber auch gegen Frankreich und Kanada war es mordseng. Immer hat's Fritz Dopfer nach 1:2 Rückständen noch gerichtet. Immer mit drei Hundertstel - heiliger Himmel, so ein Dusel!
Die Pechvögel - Na ja, vor allem die, die an den Medaillen knapp vorbeigeschrammt sind und sich mit „Blech", dem bescheuersten aller WM-Plätze, begnügen mussten. Die Österreicher waren bei ihrer Heim-WM da Weltmeister. Sorry! - mit Zettel, Kirchgasser, Reichelt und Kröll hatten sie gleich vier. Sonst fiel Blech, international schön verteilt, an Frankreich, Italien, Norwegen, Kanada, Finnland und die Schweiz.
Gold-Teenie - Was für ein Girl: so smart, so cool, so jung! Die 17-jährige Mikaela Shiffrin hat im Slalom mit ihrer Unbekümmertheit und ihrem Talent alle in Grund und Boden gefahren. Auch Maria Höfl-Riesch, die beinahe noch eine vierte Medaille eingefahren hat - halt nur beinahe, bis ein Einfädler die Geheimfavoritin kurz vor dem Ziel stoppte. Toll! - bei Mikaela Shiffrin passt alles. Die Eltern und der Bruder sind exzellente Skifahrer. Als ganz junges Mädchen vergnügte sie sich als Freeskier auf Buckelpisten. Im europäischen Winter wohnt sie mit der Mutter im eigenen Appartement in Obergurgel. Sie trainiert mit dem italienischen Männerteam, „das mich super beflügelt." Ihr Devise: „Lass dich durch nichts aufhalten, glaub' an dich, du schaffst es."
Der Oldie - Das letzte Rennen, der letzte Läufer, die letzten Medaillen. Was nun? - Gold oder Silber für den 28-jährigen Felix Neureuther, der mit Bestzeit führte? Und nur noch einer stand oben. Dann ein perfektes Finale für die Gastgeber der WM vor über 40.000 im Skistadion und etwa noch einmal so vielen Skifans beim Public Viewing in Schladming. Nervenstark schnappte Marcel Hirscher dem Deutschen das Slalom-Gold noch vor der Nase weg. Wow! - die einzige goldene Einzelmedaille für Österreich! In letzter Sekunde! Nur Silber - kein Problem für Felix Neureuther, der endlich seine ersehnte erste Einzelmedaille bei einem Großereignis hatte, nach seinen Siegen bei allen Klassikern im Welt-Cup. Der „Oldie" machte sich auch schon mal Gedanken, wie es nach Olympia 2014 weitergeht. „Mein Traum wäre", sagte er, „einen Monat lang Guide in Kanada beim Heliskiing und danach zwei Monate mit dem Rücksack durch Australien" - super Idee von einem, der sonst alles hat oder sich alles leisten kann.
Ach, noch etwas - Nicht auszudenken, was für die Amis mit Ted Ligety, Mikaela Shiffrin und einer unverletzten Lindsey Vonn, die immer für Siege gut ist, abgegangen wäre. Oh Gott - da wären ja nur noch wenige Goldmedaillen an den Rest der Welt abgefallen.
Eberhard Pino Müller - Margot M. Estermann
publiziert: März 2013 - WINTERSPORT TAKEOFF-PRESS
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