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Wie die Golfprofessionals Wehwehchen kurieren
Gestretcht, getrimmt und gut massiert
„Players only" steht an der Tür, zu der man an der Rückseite eines riesigen Trucks, der zu einem mobilen Physiotherapie-Zentrum für die Golfprofessionals der PGA Europa-Tour umfunktioniert worden war, über eine schmale Metalltreppe hochsteigen muss.
Zutritt also nur für Spieler. Gut, dass an jenem Freitag bei der BMW International Open, gerade Bernhard Langer aufkreuzt. Und hilfsbereit, wie Langer eben ist, und weil er eh auf dem Weg zum Physio- und Massage-Studio war, nimmt er den Reporter, der sich über das von „Nestle" gesponserte Super-Vehikel informieren will, mit. Doch Guy Delacave, der Chef des Teams, ist noch beschäftigt und muss ja auch noch Langer in die Mangel nehmen, und so verabredet man sich für den nächsten Tag.
Draußen, auf dem Vorplatz des High-Tech-Lastwagen, kommt Langers Ex-Caddy Peter Coleman daher, und der kleine Mann ist gesprächig. Bernhard lasse sich hier regelmäßig behandeln, gerade habe er allerdings auch ein bisschen was am Knie. Ob denn die meisten Spieler wegen ihrer Wehwehchen kämen? „Ach was", meint Coleman und grinst, „es ist oft nur Routine, oder weil sie glauben, dann besser Golf zu spielen." Dank der Beziehungen seines Arbeitgebers wird der Engländer, der seit 20 Jahren Langers Bag trägt, und den inzwischen der Rücken plagt, auch im PGA Physo-Truck betreut -- als einziger Nicht-Profi übrigens.
Am nächsten Tag um 10 Uhr die Verabredung mit Guy Delacave, einem Belgier. Erster Eindruck: Guy spricht gut deutsch. Zweiter Eindruck: Guy ist stolz, stolz auf sein Team, die Physiotherapeuten Kris, Jonathan und Rob, sowie einen Rheumatologen und Radiologen, und auf den Nestle Physio- Truck, angeschafft für eine Million und ausgerüstet mit PCs, Massagebänken, Laufband, Kraftmaschinen, Messgeräten für Blutdruck, Herzfrequenz und Sauerstoffverbrauch, Klimaanlage, Generator und anderem mehr.
Delacave hat viel zu erzählen, denn er macht den Job schon seit zehn Jahren. Etwa, dass ihr Mobil einmal wegen eines LKW-Streiks nahe Lyon bei einer Bullenhitze stecken blieb, und sie kollabierende Kinder im klimatisierten Trailer solange aufgepäppelt haben, bis der Notdienstwagen kam. Oder, dass die Ein-stellung der Golfprofis in Sachen Fitness in den letzten Jahren sich geändert habe. 99 Prozent der Spieler kämen, „nein, neunundneunzigkommaneun", verbessert er sich sofort. Irgendwann sei jeder schon mal dagewesen. Der Körper sei für die Profis ja auch neben Talent und Können das größte Kapital. Greg Norman habe das als einer der ersten erkannt, und „schauen Sie, wie fit er noch mit fünfundvierzig ist."
Auch Tiger Woods, so Guy, sei bei der Deutsche Bank - SAP Open in Hamburg jeden Tag gekommen. „Für mehr Kraft machte er einen speziellen Drill mit einem Baseballschläger, und unsere Aufgabe war es, die Muskeln der rechten Schulter dafür zu stabilisieren." Tiger habe das alles sehr ernst genommen, denn Golfprofis fühlen bei Schwung und Griffänderungen sofort, wenn mit der Muskulatur etwas nicht stimmt.
Im Physio-Truck ist immer was los, für die Frühstarter bei allen Turnieren schon ab 6 Uhr morgens. Langer und ein Dutzend andere waren heute schon dran. Im Computer werden die Daten jeder Behandlung gespeichert. 4269 Einträge in vier Monaten zeigt der Bildschirm gerade an, und Thomas Björn werden sie als nächsten registrieren. Der spätere Turniersieger hat sich gerade stretchen lassen, und nun sitzt er noch herum und macht mit den Jungs ein Schwätzchen. Ja, wie hatte Guy gesagt. „Wir sind wie eine Familie - Bernhard ist ein Freund, auch Seve, auch Greg." Und so war Guy denn auch schon bei den Langers in Florida und den Balesteros in Spanien und hat mal da eine wertvolle Uhr und dort eine Ladung Wein gekriegt.
Eberhard Pino Mueller
publiziert: Oktober 2000 Süddeutsche Zeitung „golf spielen"
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