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French Open 2019 in Roland Garros

Nur Tennis im Sinn


Paris, eine Stadt mit Charme, eine Stadt für Lebenskünstler, Modemacher, Jungverliebte und Touristen - auch für zwei Wochen im Jahr für Tennisfans und Tennisprofis während der French Open im Stade Roland Garros an der Porte d'Auteuil. Gleichwohl, die Tennisspieler verpassen das „savoire vivre" wie die Franzosen so schön sagen. Es gibt doch nichts Schöneres, als morgens, an einem warmen Frühsommertag, gemütlich in einem Straßencafé mit einem Croissant und Café au Lait im Quartier Latin zu sitzen, den Figaro zu lesen, junge Mütter mit ihren Kindern bummeln und fröhliche Studenten zur Uni eilen zu sehen.

Also wirklich, so etwas entgeht den Tennisprofis. Der deutsche Manager des Luxushotels Warwick sagte mir einmal, dass Steffi Graf das Frühstück immer in ihre Suite habe bringen lasse, um ja nicht abgelenkt zu werden." Auch Tommy Haas, der in Roland Garros war und beim Doppelturnier der „Legends'Trophy" spielte, erzählte mir: „Ich musste mich, als ich früher hier die French Open spielte, total auf Tennis konzentrieren. Da war nichts mit Paris, Moulin Rouge, Montmartre und so, auch nicht wenn ich raus war, da bin ich gleich zum nächsten Turnier gefahren."

Als Jan-Lennard Struff im Achtelfinal, soweit wie er noch nie bei einem Grand Slam-Turnier gekommen war, gegen den Weltranglisten-Ersten Djokovic verloren hatte, saß er „genervt vom Match" im Pressezentrum. Er müsse jetzt das Positive, die drei sehr gut gespielten Matches, mitnehmen, aber noch heute, spätestens morgen sei er weg. Ein wenig noch Paris zu  genießen, kam ihm nicht in den Sinn. Na ja, mit 243 000 Euro Preisgeld, dem höchsten in seiner Laufbahn, nicht schlimm, und außerdem wird er sich noch lange über seinen Marathon-Sieg gegen Borna Coric (ATP 15) freuen, als er einen der Showcourts, wo viele deutsche Fans ihn mit „Struffi, Struffi, Struffi" dauernd angefeuert und zum Schluss „oh wie das schön" gesungen haben, in einen Hexenkessel verwandelt hatte.

Hoch her ging es auch bei den Matches von Alexander „Sascha" Zverev - aber vor allem auf der roten Asche, denn 5-Satz-Matches sind scheinbar seine Spezialität in Roland Garros. Schon im letzten Jahr quälte Zverev sich in das Viertelfinal und musste dreimal über die volle Distanz gehen. Auch in diesem Jahr wieder in der ersten Runde gegen den Australier John Millman und in der dritten gegen den Serben Dusan Lajovic.

Richtig heiß ging es im Achtelfinale gegen den Italiener Fabio Fognini zu, der bekannt ist für Tricks und Mätzchen auf dem Platz, um die Gegner zu irritieren. Sascha ließ den südländischen Heißsporn machen und blieb cool, was ihm selbst ja auch oft schwerfällt, auch nach verlorenem erstem Satz, und auch als er im vierten mehrere Breakmöglichkeiten Fogninis abwehren musste. Im Interview hinterher sagte Sascha, er sei unheimlich erleichtert, denn das sei ein Spiel gewesen, das „mir jetzt viel Auftrieb gibt." Wohlwissend, dass mit Novak Djokovic ein noch größerer Brocken auf ihn zukommt, gegen den „ich ans Maximum gehen und mich noch einmal steigern muss."

Zverev hatte recht, aber leider konnte er sich nicht steigern, nicht lange genug. Denn anfangs spielte er tolles Sandplatztennis, und man dachte schon, Sascha könne das „Monster" Djokovic packen, als er dem Weltranglisten-Ersten den Aufschlag abnahm und zum Satzgewinn aufschlug. Aber das Monster hatte etwas dagegen, und Sascha plötzlich nicht mehr die Mittel den Satz einzusacken. Man konnte Saschas Papa in der Spielerbox im Gesicht sofort ansehen, dass es für den Filius jetzt nichts mehr wird, mit dem Sprung ins Halbfinale, wieder nicht wie schon im vergangenen Jahr. Und: Novak Djokovic ließ Zverev mit seinem kontrollierten, harten und variantenreichen Tennis danach auch nicht mehr ins Spiel kommen und machte mit Zverev in den folgenden Sätzen kurzen Prozess. „Ich weiß", so Zverev nach seiner Dreisatzniederlage, „dass es sehr schwer ist, wenn Novak einmal führt. Solche Matches verliert er nicht."

Übrigens: Der große Touristen-Hit in Paris sind Elektroroller, die überall herumstehen, selbst auf der Champs Élysée-Promenade, weil die Benutzer sie nirgends zurückgeben müssen, sondern, egal wo, stehen lassen können. Auch Alexander Zverev hatte Spaß damit, aber leider wie bei den Tennisprofis üblich, nicht um die Pariser Sehenswürdigkeiten zu erkunden, sondern weil er damit ruck zuck vom Hotel zum Stade Roland Garros flitzen konnte.

Ach ja, da war noch etwas, mit dem niemand gerechnet hatte, nicht einmal die beiden Doppelspieler aus Deutschland nach ihrem Coup. Also wirklich, wer dachte, dass Kevin Krawietz und Andreas Mies den French-Open-Grand-Slam-Titel im Doppel gewinnen würden. „Well", sagte ein total verdutzter Andy Mies bei der Siegerehrung, „ich weiß nicht, was ich sagen soll", und Kevin Kravietz meinte, „what a journey", weil sie als Team nur eineinhalb Jahre zusammen gespielt haben. Die Nacht haben sie sich feuchtfröhlich noch in Paris mit Freunden und Betreuern um die Ohren gehauen, und weg waren sie, gleich am nächsten Tag. Andy Mies mit dem Flieger und Kevin Krawietz mit dem TGV. „What a journey", was für eine Reise - eine Reise „nur" ins Tennis-Glück. Jetzt noch eine Woche Paris genießen, wie Millionen aus aller Welt, war nicht ihr Ding.

                                 Eberhard Pino Mueller

publiziert: Juni 2019 -- Tennisportal TAKEOFF-PRESS -- Presse-Dienst-Süd  --  JOURNAL/EURO

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