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MercedesCup 2019 Stuttgart
„Überraschungen - das Schöne im Sport"
Überraschung, Überraschung. Es sah gut aus, was die Macher des MercedesCup an Spielern verpflichtet hatten - die Next-Gen Stars Karen Khachanov (23 Jahre), Daniil Medvedev (23), Felix Auger-Aliassime (18), Denis Shapovalov (20) und Matteo Berrettini (23), dazu den dreifachen Grand-Slam-Sieger Stan Wawrinka, Publikumsliebling Gael Monfils, Rasenspezialist Milos Raonic und die Hochkaräter Nick Kyrgios, Jo-Wilfried Tsonga mit den Deutschen Philipp Kohlschreieber und Jan-Lennard Struff.
Aber: Wie oft bei Turnieren muss man mit Überraschungen rechnen, und in Stuttgart gleich, bevor es losging, gab es eine schlechte, weil Stan Wawrinka absagte. Aber: Gleich auch wieder eine gute Überraschung, weil Alexander Zverev, kurzentschlossen, nach Stuttgart kam und mit einer Last-Minute-Wildcard nur 24 Stunden vor Beginn des Turniers zur Freude der Veranstalter und Tennisfans noch ins Feld rutschte. Zur Freude der Zuschauer schaffte auch noch Dustin Brown, der mit Wunderschlägen die Tennisfans immer verzückt, den Sprung über die Qualifikation ins Haupfeld.
Der MercedesCup ist aber mehr als nur gutes Tennis, Das 103. internationale Weissenhof-Turnier fällt durch seine Tradition und die Clubanlage aus dem Rahmen heute üblicher Tennisturniere. Oberschiedsrichter Norbert Peick, der international auf der ganzen Welt als Schiedsrichter unterwegs war, kommt ins Schwärmen, wenn er über das Stuttgarter Turnier spricht. Der Mann macht routiniert und umsichtig seinen Job. Immer präsent, immer mit einem Handy in der Hand, immer mit den Augen beim Geschehen, wie gerade, als er den Ballkindern beim Wechsel Beine macht, damit das Match nicht verzögert wird. Immer auch freundlich und gesprächsbereit. „Der Reiz hier beim Turnier", erzählt Peick, „ist die Stille, da man den Absprung der Bälle auf Gras nicht so hört. Es ist so wie früher, als Gras Tradition bei Tennis war." Das Stuttgarter Turnier auf Rasen zu spielen, sei eine sehr gute Entscheidung gewesen und perfekt, denn man kriege nun ein sehr gutes Feld, schon in der Quali und, überhaupt, die Clubanlage mit Rasenplätzen sei so noch schöner geworden. So sahen das auch Anke und Rudi aus Villingen, die jedes Jahr gern zum MercedesCup kommen. „Das ist unser kleines, feines, sehr familiäres Lieblingsturnier mit unaufgebauschter Nähe zu den Tennisstars hier im eigenen Ländle", schwärmten die Beiden über das Weissenhof-Turnier.
Die Besucher des Turniers haben auch die Möglichkeit, die Profis auf nebeneinander liegenden Rasenplätzen von oben herab hautnah trainieren zu sehen. Als ich vorbeikam, mal eben drei Kracher - Alexander Zverev auf einem, Dustin Brown auf dem nächsten und Nick Kyrgios auf dem dritten Platz. Einmalig war auch, Ivan Lendl mit 59 Jahren noch einmal Tennis spielen zu sehen. Der Coach von Alexander Zverev sprang ein und schlug Bälle mit seinem Schützling, bis Zverevs Hitting-Partner kam. Beeindruckend war, wie Ivan Lendl, einer der erfolgreichste Spieler mit acht Grand-Slam-Titeln, noch immer seine Slice-Rückhand spielte.
Zverev kam nach Stuttgart, weil er sich Matchpraxis für Wimbledon holen wollte. „Gras ist ein sehr spezieller Belag", so Zverev, „da muss man anders spielen. Ich hoffe, dass ich hier eine gute Rasenform finde." Als auch Zverev Senior und der Hitting-Partner da waren, wurden Volleys und Aufschläge geübt, wobei der Papa ein paar Tipps gab und der große Ex-Champion Ivan Lendl zuschaute oder auch Bälle zusammenlas. Über seinen Gegner, nach einem Freilos in der 1. Runde, sagte Zverev: „Dustin (Brown) ist einer der gefährlichsten Spieler auf Rasen, vor allem, wenn man vorher selbst noch kein Match gespielt hat." Und so war es. Dustin Brown (ATP 170) spielte brillantes Angriff-Tennis über 3 Sätze und entzauberte mit seinem unorthodoxen Spiel überraschend den Turnierfavorit Zverev.
Aber auch Peter Gojowczyk, Mischa Zverev und Philipp Kohlschreiber blieben von den sechs deutschen Hauptfeld-Teilnehmern gleich gegen starke Gegner hängen. Besser machte es Jan-Lenard Struff, der zuerst zwei der hochtalentierten Joungsters, den Kanadier Denis Shapovalov und den 19-jährigen Serben Miomir Kecmanovic, abservierte und unter den letzten Acht auch noch den Franzosen Lucas Pouille, der 2017 den MercedesCup gewonnen hatte. Dustin Brown, der zweite Deutsche im Viertelfinale, schuftete gegen den kanadischen Shooting-Star Felix Auger Aliassime wie gegen Zverev über drei Sätze. Es war ein Drei-Satz-Tennis-Thriller erster Klasse, bei dem jeder Satz im Tie-Break entschieden wurde. Dustin Brown, der mit seinen Zauberbällen am Netz, dem erst 18-Jährigen das erste und einzige Aufschlagspiel bis dahin im 3. Satz des Matches abnehmen konnte und bei 5:4 Führung einen Matchball versiebte, verlor noch nach einem Re-Break des Kanadiers das Match und verpasste den Sprung in ein Finale eines Turniers, was ihm noch nie zuvor geglückt war. Sein doppeltes Pech war, dass er den Matchball unglücklich vergab und bei einem Sieg gegen Auger Aliassime gleich im Finale gewesen wäre, da Milos Raonic im Halbfinale wegen Rückenproblemen nicht antreten konnte.
Jan-Lannard Struff, in seinem siebten Halbfinale, wollte auch endlich „einmal ins Finale und dafür alles geben." Dahin wollte auch Matteo Berrettini, und wenn man sah, wie der Italiener souverän, ohne einen Breakball abzuwehren, seine Gegner wegfegte, zuerst Nick Kyrgios, dann Karen Kachanov (ATP 9), dann Denis Kudla, der Gael Monfils aus dem Turnier geworfen hatte, war klar, das konnte für Struff leicht schief gehen. Struff wehrte sich auch verbissen, musste aber in jedem Satz ein Break schlucken und Berrettini ins Finale einziehen lassen.
Das spannende Überraschungsendspiel war, auch ohne deutsche Beteiligung, für die Zuschauer ein Highlight, weil Matteo Berrettini gegen Felix Auger-Aliassime, nach gewonnenem ersten Satz, im Tie-Break des zweiten 5 Satzbälle abwehrte und erst nach seinem dritten Matchball als Sieger jubeln und neben 117 050 Euro Preisgeld einen Mercedes mitnehmen konnte.
Der MercedesCup war mit der tollen Besetzung, so Turnierdirektor Edwin Weindorfer „wieder ein voller Erfolg", auch für Bettina Hausmann ( Mercedes-Benz ) „weil es sportlich beim Turnier einige Überraschungen gab, aber das ist ja auch das Schöne im Sport." Eberhard Pino Mueller ---
publiziert: Juni 2019 -- Tennisportal TAKEOFF-PRESS -- Presse-Dienst-Süd -- JOURNAL/EURO
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