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„Down Under" und die „Aussie Open" - der etwas andere Kontinent mit dem Happy Slam


In der Sonne brutzeln und Fliegen fressen.


Irgendwie ist in Australien alles ein bisschen anders. Die Sonne, der Mond, die Natur, das Wetter, die Temperaturen, der Verkehr, die Menschen, die Laune - auch die Australian Open, das Grand-Slam-Turnier im Melbourne Park. Dass die Sonne von Ost über Nord nach Westen wandert, also nie im Süden steht und der Mond auf dem Kopf, ist schon etwas verwirrend. Auch stehen die Menschen wegen der Schwerkraft der Erde aus unserer Sicht Kopf, das heißt, mit den Füßen nach oben und dem Kopf nach unten - verkehrte Welt eben in Down Under. So auch beim Überqueren der Straße. Da muss man aufpassen, denn wegen des Linksverkehrs kommen die Autos von rechts. Ja und der schwedische Tennisprofi Robin Soderling findet besonders herrlich: „Du kommst zum Turnier und es ist Sommer, warm und alles blüht, während es bei uns Winter, kalt und dunkel ist."

Und jeder komme im Januar, so Tennis-Superstar Roger Federer, mit einem „Happy New Year" an und freue sich, weil es wieder losgeht nach den Ferien. Deshalb sei das hier so etwas wie ein „Happy Slam". Und wirklich, die Spieler lieben das Turnier in Australien, weil es anders ist. Nicht so hektisch wie in New York, nicht so steif wie in Wimbledon und nicht so eng wie in Paris. Auch weil es nur einen „Känguruh-Sprung" weit weg ist von der City. Für Andrea Petkovic deshalb „das entspannteste Grand- Slam-Turnier. Du bist gleich im Hotel und kannst relaxen."

Die Russin Maria Sharapova schwärmt vom „Charme und der familiären Atmosphäre der Aussie Open. Alle sind nett und freundlich zu Dir - einfach tolle Menschen." Und wenn einmal was schief läuft, sagen die „Aussies" sofort: „no worries" - das wird schon, wir regeln das. Sie machen sich nicht bei jeder Kleinigkeit Stress.

Einmalig auch die Fans in Melbourne. Sie lieben das Spiel und gehen wie sonst nirgendwo mit. In Australien leben Menschen aus allen Ländern, die hier, fern der Heimat, ihre Landsleute begeistert und laut, aber fair anfeuern und für eine tolle Stimmung sorgen. Djokovic, die Nummer eins der Tenniswelt, mag das: „Ich werde hier von vielen Serben unterstützt. Es geht in der Rod-Laver-Arena oft wie beim Fußball zu, weil die bunt bemalten, fahnenschwingenden Tennisfans während der Ballwechsel nicht still sein können."
 
Apropos Wetter, das spielt in Australien oft verrückt. Es kommt vor, du gehst bei 35 Grad in den Supermarkt, und wenn du nach zwanzig Minuten herauskommst, kann die Temperatur auf 15 Grad gerutscht sein. Für die „Aussies" nichts Besonderes, die auch Temperaturschwankungen kennen, bei denen sie das Gefühl haben, an einem Tag alle vier Jahreszeiten durchzumachen.

Recht brutal ging es an Hitzetagen zu Steffi Grafs Zeiten bei den Australian Open zu. Damals wurde auf Teufel komm raus weitergespielt - auch bei Bullenhitze, wobei man bei offenem Mund unweigerlich lästige Fliegen fressen musste, der Boden so heiß war, dass man darauf Spiegeleier brutzeln konnte, und Spielerinnen wegen Krämpfen schreiend auf dem Boden in der Umkleide lagen.









So extrem geht es beim Happy Slam nicht mehr zu, aber dafür kommen die Buchmacher der Wettbüros oft ins Schwitzen. Was auf dem Wettmarkt 2011 abging, war irre. Einer setzte 2,5 Millionen Dollar auf ein einzelnes Spiel und Wetteinsätze zwischen Hunderttausend und einer Million waren keine Seltenheit. Der Gipfel ein Match von Nadal. Als die damalige Nummer eins, offensichtlich gehandikapt, am Verlieren war, stiegen die Zocker weltweit massiv ein. Es soll nach den großen, internationalen Wettanbietern, allein bei diesem Match eine Milliarde im Umlauf gewesen sein.

Kurios auch die Geschichte Australiens. Die Aborigines, die Ureinwohner, kamen vor 40 000 bis 120 000 Jahren, doch keiner weiß genau woher. Nach neueren DNA-Analysen könnten sie vor etwa 70 000 Jahren ursprünglich aus Afrika stammen. Viele Anthropologen meinen, die Aborigines, mit ihrem prähistorischen Aussehen, seien während der letzten Eiszeit über eine damals noch bestehende Landbrücke von Asien nach Australien gekommen. 400 000 Jahre alt sind die ältesten Felsen der Erde, aber erst vor etwa 500 Jahren kamen als Erste die Portugiesen - nicht James Cook - nach Australien, also mindesten 250 Jahre vor dem Engländer Cook, der noch immer für die meisten Australier als Entdecker ihres Kontinents gilt.   

Dass der „Aussie-Open-Happy-Slam" liebenswert und einmalig ist, sagen Andrea Petkovic oder Julia Görges oder Victoria Azarenka oder Ana Ivanovic. Auch Novak Djokovic, der den Titel 2011 gegen Andy Murray holte, einen Titel, den die Engländer sich, auch wenn er von einem Schotten käme, sehnlichst seit Fred Perry 1934 gewünscht hatten. Natürlich auch „Aussie-Kim Clijsters", die der Chinesin Li Na, als eine Milliarde Menschen in China vor der Glotze saßen, den Titel vor einem Jahr wegschnappte und die Australier glücklich machte, die ihre „Aussie-Kim" seit der Liebschaft mit Australiens Tennis-Heros Lleyton Hewitt vor sechs Jahren ins Herz geschlossen haben.

Man muss den verrückten Kontinent mit seinen wundervollen und sportverrückten Menschen lieben. Da macht ein Busfahrer doch tatsächlich nach Dienstschluss noch eine Extrafahrt und bringt mich zum Melbourne Park. Da gibt es BYO-beschilderte Kneipen (Bring Your Own), wo die Touries und Aussies ihr eigenes Bier oder den Wein mitbringen können. Da wird nach fünf verschiedenen Spielarten gekickt. Am Leidenschaftlichsten beim „Footy" - Soccer nach australischen Regeln - auf dem größten Spielfeld im Sport und vor mehr als 100.000 Fans. Und wo gibt es das, dass bei einem Pferderennen im ganzen Land die Arbeit ruht? Nur in Down Under beim Melbourne Cup. Und wenn einmal ein „Aussie" zu ihnen „Bloody Bastard" sagt, denken Sie nicht, er beschimpft Sie. Nein - dann sind Sie sein Kumpel. Das ist herzlich gemeint. 

                                     Eberhard Pino Mueller

publiziert:   Januar 2012   
                           DTZ Deutsche Tennis Zeitung             
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