|
Das „Arthur Ashe Stadium" zur Erinnerung an einen außergewöhnlichen Menschen
Arthur Ashe - ein Herz für Kinder
Es gibt Erlebnisse, die vergisst man sein Leben lang nie. Etwa die Flucht nach einer Schießerei eines Verrückten in München. - Oder: Als mein Auto plötzlich in einem Gewitter - eigentlich „aus heiterem Himmel", wie man sagt - völlig grundlos bei Cézanne, auf der Landstraße nach Paris, genau an der Stelle stehen blieb, wo Jahre zuvor meine zwei besten Freunde mit dem Auto tödlich verunglückt sind, und der Motor, bevor der Pannendienst kam, von allein plötzlich wieder ansprang. - Oder, ein Interview - ja ein Interview. Hunderte habe ich gemacht, aber das war einmalig ungewöhnlich - schon wie es zustande kam und mit wem.
Immer in den letzten Jahren auf der Fahrt mit der Tram nach Flushing Meadows zu den US Open sehe ich in der Ferne ein Stadion, das aussieht wie ein Ufo. Das „Arthur Ashe Stadium." Und immer habe ich dabei ein wunderbares Gefühl, weil man das größte Tennisstadion der Welt im USTA Billie Jean King National Tennis Center in New York nach Arthur Ashe, einem außergewöhnlichen Menschen, benannt hat.
Immer erinnere ich mich dabei auch an die letzte Begegnung mit dem großen Tennischampion und Menschenfreund. Ich hatte mich für ein kurzes Interview mit ihm zu einer bestimmten Zeit in einem Übertragungswagen der ABC, für die er Tennisturniere in Amerika kommentierte, verabredet. Pünktlich, wie verabredet, war ich da, doch Arthur Ashe war noch auf Sendung und bat mich, um eine dreißig minütige Verschiebung. „Kein Problem," sagte ich, „ich komme dann wieder." Doch Arthur Ashe wollte sich revanchieren und sagte, er komme zu mir an meinem Platz im Medienzentrum, ich bräuchte nicht noch einmal zu den abseitsstehenden TV-Trailern kommen.
Nun denn, er wollte das unbedingt so machen, und so trafen wir uns eben da. Eigentlich wollte Arthur Ashe von seiner kostbaren Zeit nur ein paar Minuten für das Interview abzwacken, doch dann hatte der erste schwarze US-Open-Champion und spätere Australian Open und Wimbledon-Champion plötzlich die Zeitvorgabe vergessen und sprach und sprach, aber nicht über seine Tenniserfolge, sondern über die Probleme schwarzer Tennisspieler in Amerika, Rassendiskriminierung und Armut in der Welt.
So war er eben. Er sorgte sich mehr um andere als um sich selbst. Dabei ging es ihm, jedenfalls gesundheitlich, ganz schön „dreckig." Das Herz macht nicht mit, doch der vierfache Bypass, den ihm Herzchirurgen bei damals lebensgefährlichen Operationen verpasst hatten, war nicht einmal sein Hauptproblem. Nach einer Operation am Gehirn stellte man fest, dass er durch Bluttransfusionen bei den Eingriffen positiv HIV infiziert war. All das hinderte ihn aber nicht daran, sich noch intensiver gegen Unrecht und mangelnde Gesundheitsfürsorge zu engagieren.
Neben seiner Tätigkeit für den amerikanischen TV-Giganten ABC, schrieb er Kolumnen und arbeitete für die ATP. Ohne Rücksicht auf seine angeschlagene Gesundheit leitete er einen AIDS-Hilfe-Fond, protestierte gegen das Unrecht in Südafrika und in den Südstaaten der USA, auch gegen die Einwanderungspolitik seines Landes, weshalb er vor dem Weißen Haus festgenommen und abgeführt wurde. Arthur Ashe erlitt dabei eine Herzattacke, weil er sich zu viel zugemutet hatte - für andere einmal wieder.
Es war faszinierend, was er mir erzählte und wie ihm besonders die Kinder am Herzen lagen. „Es ist schwierig" sagte Arthur Ashe, „überhaupt an die Kids heranzukommen. Viele haben keine Eltern oder diese ziehen nicht mit. Wir müssen uns um alles kümmern. Neben dem Sport auch sonst um die Kids. Wir nehmen sie in Büchereien mit und schauen, ob sie in die Schule gehen. Wir wollen, dass aus den Kindern gute Menschen werden und hoffen, dass nun ein paar weniger im Kittchen landen. Mit Tennis allein ist es nicht getan. Meine Leute sprechen mit den Kids über alles, über Drogen, Alkohol, das Rauchen und helfen auch bei den Schularbeiten." Und um etwas Besonderes den Kids zu bieten, „nehmen wir auch immer eine ganze Schar zu den US Open mit. Wir picken nicht einzelne Kinder heraus, sondern nehmen ganzen Gruppen mit, denn zusammen mit ihren Kumpels haben sie erst richtig Spaß."
Man merkte, wie wichtig es Arthur Ashe war, über all das zu reden, um über die Presse auch andere anzuregen. Nach mehr als einer halben Stunde saß Arthur Ashe noch immer bei mir und freute sich sichtlich, dass ich ihm so lange zuhöre. Ich ahnte natürlich nicht, als wir fertig waren, wie schlecht es um ihn stand. Er ließ sich jedenfalls nichts anmerken, sah auch noch frisch aus und bedankte sich sogar noch freundlichst bei mir für das Interview.
Wenige Tage später, ein Schock - die weltweite Nachricht, dass Arthur Ashe mit 49 Jahren an den Folgen seiner AIDS-Infektion gestorben ist.. Man hat ihn nicht vergessen, denn noch heute wirkt nach, was er alles initiiert hat. So auch den beliebten „Arthur Ashe Kids' Day" bei den US Open, der vor dem Turnier, ihm zu Ehren, auf der Tennisanlage in Flushing Meadows jährlich stattfindet.
Eberhard Pino Mueller
publiziert. September 2019 - Tennisportal TAKEOFF-PRESS -- Presse-Dienst-Süd -- JOURNAL/EURO
|
|