|
Swiss Indoors 2019 - Basel
Federer - „feder(er)leicht" ins Finale und zum zehnten Titel.
Das Basler Turnier hat, wie eigentlich alle Turniere, einmal klein angefangen. 1969, vor fünfzig Jahren. Im Jahr danach holte der Schopfheimer Hobby-Tennisspieler Klaus Berger den Titel der „Barracuda-Meisterschaften" und bekam dafür eine goldene Uhr. Der damals 23-jährige Turnierpräsident Roger Brennwald trug das Mini-Turnier in einer Traglufthalle aus, die er zusammen mit einem Arbeitskollegen gekauft und in der er für fünfzig Zuschauer Stühle aufgestellt hatte - fürwahr, solche Sachen gab es früher. Niemand, nicht einmal ein visionär denkender Mann wie Roger Brennwald, hätte damals gedacht, dass das Ballon-Hallentennisturnier zum drittgrößten Hallenturnier der Welt nach dem ATP-Finale und dem Pariser ATP-Masters-1000er aufsteigen würde - mit mehr als 70 000 Zuschauern vor Ort, Fernsehübertragung in 150 Länder der Welt, zwei Millionen Preisgeld und einem Siegerscheck über 430 125 Euro.
Das Turnier auf Dauer in seiner Ballonhalle war nicht Roger Brennwalds Ding, denn schon nach fünf Jahren zog er in die Basler St.-Jakobs-Halle um, in der er das Turnier zu dem machte, was es heute ist. Und so kam es, dass schon 1977 der Superstar Björn Borg bei den Swiss Indoors spielte und danach, im Lauf der Jahre, alle 26 Top-Eins-Spieler seit Bestehen der Weltrangliste außer John Newcombe in Basel dabei waren. Wie wichtig das Turnier für die Stadt Basel und die ganze Schweiz ist, belegt auch die Investition von 120 Millionen Schweizer Franken, die für die Renovierung der Mehrzweckhalle 2018 aufgewendet wurde, wobei ein 300 Tonnen schweres Dach am Eingang, was dem Gewicht von 825 ausgewachsenen Elefanten entspricht, gebaut wurde.
Mit „eine geballte Ladung Weltklasse" wurden die Swiss Indoors in diesem Jahr angekündigt. Und so war es, denn vier Top-Ten-Spieler schlugen auf, drei weitere aus den besten 20 und die 26 direkt für das Hauptfeld qualifizierten Spieler aus 19 Nationen standen unter den besten 56 der Weltrangliste. Aber: Besonders interessant ist Tennis heutzutage vor allem auch, weil die hohe Leistungsdichte immer Überraschungen mit sich bringt.
So erwischte es Alexander Zverev (ATP 6) neun Tage nach seinem großartigen Turnier in Shanghai gleich in der ersten Runde, als der 22-Jährige den ersten Satz im Tiebreak nach einer 4:0 Führung vergab und im zweiten gegen den 21-jährigen Taylor Fritz nicht mehr zu seinem Spiel fand. Er habe sich platt gefühlt und sei nicht fokussiert gewesen, meinte Zverev, „ich bin sehr enttäuscht, vor allem wegen mir selbst."
Auch für Peter Gojowczyk (ATP 112, der Höchstplatzierte auf der Weltrangliste im Hauptfeld), der sich durch die Qualifikation gekämpft hatte, war gegen einen bärenstark spielenden Roger Federer (ATP 3) nichts drin. - Nicht so bei Jan-Lennard Struff (ATP 41), der couragiert spielend bis ins Viertelfinale kam und gegen den Australier Alex de Minaur, den dreimaligen Turniersieger 2019, einen tollen Kampf auf Augenhöhe machte und dem späteren Turnierfinalisten nur knapp unterlag.
Überraschend erreichten vier Ungesetzte das Viertelfinale und zwei von ihnen das Halbfinale, weil Henri Laaksonen (ATP 105, Wildcard) den Franzosen Benoit Paire (Nummer 8), der 20-jährige Serbe Filip Krajinovic (ATP 46) den Italiener Fabio Fogini (Nummer 5) und der 22-järige Aufschlagriese Reilly Opelka (ATP 37) den Belgier David Goffin (Nummer 6) und Spanier Roberto Bautista Agut (Nummer 4) abservierten.
Erstaunlich war auch, dass als Einziger von den fünf über 30 Jahre alten, gesetzten Spielern des Basler Turniers nur Roger Federer ins Halbfinale kam, zusammen mit Tsitsipas, Opelka und de Minaur, den drei Jungstars der „Next-Generation".
Natürlich war, wie immer in Basel, Roger Federer der Zuschauermagnet. An Tagen, an denen Federer nicht spielte, gab es immer Leute vor der St.-Jakobshalle, die ihre Tagestickets los werden wollten, dagegen standen an den Tagen, an denen er spielte, immer Tennisfans mit Plakaten herum, auf denen „suche Ticket" geschrieben war. Die Schweizer, besonders die Basler, lieben ihren Roger. Für Federer ist das Basler Turnier aber auch etwas ganz Besonderes, denn es ist so etwas wie sein Heimturnier, weil er in jungen Jahren mit der Familie da gewohnt hat. „Es ist ein wundervolles Turnier für mich", sagt Federer. „Ich war schon als Kind dabei, habe Lösli verkauft und war Balljunge."
Federers Traum, das Turnier zu gewinnen, ging 2006, „nachdem ich fast nicht mehr damit gerechnet habe", erst acht Jahre nach seinem Basler Spielerdebut in Erfüllung. Was danach kam ist einmalig. Er erreichte in den 13 Jahren seither immer das Finale. Der Grieche Stefanos Tsitsipas, die Nummer 7 der Welt, wurde von Federer „feder(er)leicht" diesmal im Halbfinale entzaubert, wie auch Alex de Minaur, der im Finale dem Publikumsliebling Federer den Turniersieg noch hätte vermasseln können, nachdem er mit einer Wildcard ins Turnier gerutscht war, weil er den Meldetermin verpasst hatte.
Doch da hatten die Zuschauer, in der mit mehr als 9.000 Zuschauern ausverkauften Halle, etwas dagegen. Mit „hopp Roger, lass es krachen" feuerten sie den Schweizer an, der den chancenlosen 20-jährigen Australier souverän abfertigte. Die Fans tobten und feierten ihren Roger mit „die perfekte 10, das war top" für seinen 10. Basler Turniersieg.
Noch ist der 38-Jährige nicht zu stoppen. Er fegte ohne Satzverlust, im Rekordtempo, in 4:23 Stunden, wobei er in seinen vier gespielten Runden insgesamt nur 18 Spiele abgab, diesmal durch das Turnier und hat die letzten 24 Matches seit 2013 bei seinem Heimturnier alle gewonnen. „Seit ein paar Jahren," gab Roger Federer zum Besten, „denken alle immer, es sei mein letztes Spiel. Von dem profitiere ich ein bisschen." - Von wegen, auch im nächsten Jahr will Roger Federer in Basel wieder spielen.
Eberhard Pino Mueller
publiziert. Oktober 2019 - Tennisportal TAKEOFF-PRESS -- Presse-Dienst-Süd -- JOURNAL/EURO
|
|