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Maloche statt ein bisschen Stretching


Brutale Hitze. 41 Grad. Die Umkleide der Spielerinnen eine Lazarett. Keine kann mehr lachen, nicht mal die Siegerinnen. Völlig kaputt, die draußen gespielt hatten. Schlimmer noch, einige krümmen sich am Boden mit Krämpfen und schreien vor Schmerzen. Überall Masseure, Sanitäter und Ärzte mit Eisbeuteln und Infusionen im Einsatz.

Das war 1997 bei den Australian Open, als auch Steffi Graf schlapp machte und mit einem Sonnenstich ins Bett musste. „Damals waren die Spielerinnen aber bei weitem nicht so fit wie heute", sagt Chris Johnston, der australische Topspielerinnen betreut, „und für Fitness haben nur wenige richtig was getan."

Fitness boomt. Von wegen Ferien am Ende der Tennissaison. Nein - die Maloche fängt schon Wochen vor Weihnachten an. Im Gym, im Kraftraum, auf dem Sportplatz. Wer meint, er könne sich das schenken, kann den Start in die neue Saison gleich vergessen, denn Power und Schnelligkeit sind Voraussetzungen für Toptennis.

In den letzten zehn Jahren ist das Tennis der Frauen viel härter und schneller geworden. „Früher beschränkte sich das Fitnessprogramm auf ein bisschen Ausdauertraining und Stretching, sagt der Konditionstrainer des australischen Tennisverbandes Stefano Barsacchi, „heute liegt der Fokus auf Kraft und Beweglichkeit und das erfordert intensive Arbeit neben dem Platz und im Gym." 

Sabine Lisicki bereitet sich Ende des Jahres immer in Bollettieris Tennisakademie vor. Doch diesmal ging das nicht. „Wir mussten die Vorbereitung komplett umstellen", sagt Vater Richard, „von sechs Wochen auf drei reduzieren und auch von Florida nach Deutschland verlegen." Wegen Sabine Lisickis Mutter, die sich einer OP unterziehen musste, blieb man zuerst in Berlin. „Da trainiert meine Tochter am Olympiastützpunkt, der nicht weit von unserer Wohnung entfernt ist, mit Experten für Fitness, die sie seit Jahren kennen und sich speziell auf sie einstellen. Tennis ist ein Individualsport, deshalb muss das Trainingsprogramm den Bedürfnissen individuell angepasst werden." 

Nach einer Woche ging  es dann, um starke Tennistrainingspartner zu haben, nach Hannover. „Normal hätten wir", so Dr. Richard Lisicki, „mit zwei Wochen Fitness die Vorbereitung auf die neue Saison begonnen und wären dann ins Tennis eingestiegen. In Fitness mische ich mich aber nicht auch noch ein, das wäre sonst zuviel für mich."

Bei Turnieren wird ein Fitnessprogramm auch mit eingebaut. Die zeitliche Planung und Intensität richtet sich nach den Matches. „Fitness und Aufwärmen neben Tennis sind Standart bei allen Turnieren", sagt Lisickis Vater. „Wichtig ist, dass man ein vielseitiges Programm mit Spezialübungen für Beweglichkeit, Schnelligkeit, Ausdauer, Geschicklichkeit und Kraft macht."

Angelique Kerber verkniff sich den Urlaub nicht ganz. „Ich brauchte ein paar Tage Ruhe nach stressigen Wochen." Ab Mitte November war aber gleich schon Schluss mit lustig auf einer Insel zusammen mit einer Freundin. „Da waren meine Batterien wieder aufgefüllt, und ich muss sagen, dass ich Tennis bereits vermisst habe." Ein volles Programm mit Andrea Petkovic in Offenbach an der Schüttler-Waske-Tennisakademie stand an. Sechs bis sieben Stunden täglich mit Reha, wenn nötig. Davon zwei bis drei Stunden Fitness mit hoher Intensität. „Es geht da ab mit Vollgas", sagt Babara Rittner, die Fed-Cup-Chefin, „total konzentriert, professionell und mit 100 Prozent."

Die Spielerinnen machten das Athletik- und Konditionstraining zusammen mit Männern. Cedrik-Marcel Stebe und Dustin Brown waren auch da. Man motiviert sich gegenseitig. „Angie", sagt Barbara Rittner, „Angie steht nicht so sehr auf Fitness, am wenigstens auf Ausdauer, aber Petko mag alles, mag sich sogar quälen und hat Angie mitgerissen." Und  Christian Rauscher, der Mann für das Zirkeltraining, die Sprünge und Hindernisläufe, scheuchte alle bis zum Geht-nicht-mehr herum. „Und wenn dann Schluss war und alle ausgepumpt und fix und fertig", erzählt Barbara Rittner, „machte Petko oft noch einen drauf."

Angelique Kerber hat's viel gebracht. Danach, in Australien bei bis zu 35 Grad, war sie körperlich immer gut drauf. Doch in Sachen Kondition gab sie dennoch zu: „Da geht noch was."

Julia Görges begann im Dezember mit der Vorbereitung auf die Tennis-Tour 2012. Nach drei Wochen am Tennisleistungszentrum in Hannover ging es mit Coach Sascha Nensel und Physio Gabriel Marias zu einem Intensivtraining nach Dubai. Julia Görges wurde da auch noch von dem amerikanischen Tennis- und Fitnesscoach Raj Chaudhuri, der schon mit Martina Navratilova zusammen gearbeitet hat und jetzt ihre Freundin Jill Craybas und Lisa Raymond betreut, in die Mangel genommen.

Drei bis fünf Stunden habe man gut dosiert nach Plan gearbeitet, um Verletzungen und Übertraining zu vermeiden. „Neben Zirkeltraining und einem Laufprogramm", so Sascha Nensel, „machten wir viel mit Kraftbändern, um Rücken, Rumpf und Becken, also um alles von Kopf bis Fuß zu stärken." Um das ganze Programm aufzulockern hat die Truppe Ballspiele gemacht. Mal Fußball, mal Volleyball. „Jule", so Sascha Nensel, „Jule ist für alle Dinge offen, macht alles mit, hat immer Spaß dabei und kann sich quälen."

Über das Jahr, bei Turnieren, teilt sich Julia Görges nun den Fitnesscoach mit ihrer Freundin Jill. „Je besser man spielt", sagt Julia Görges, „desto größer das Team, das man sich leisten kann." Sie kann Raj gut gebrauchen, denn auch bei allen Turnieren will sie neben dem Platz für die Kondition, Beweglichkeit und Muskeln immer etwas tun. 

Vorbei die Zeiten, als böse Zungen gesagt haben, die Spielerinnen seinen zu fett und nicht fit. Überall auf der Tennisanlage im Melbourne Park bei den Australian Open, selbst im Parkhaus auf freien Flächen, wurden die Spielerinnen von ihren Coaches herumgescheucht. Auch die superreichen Stars. Na ja, aber vielleicht wenigstens ein kleiner Badeurlaub in Down Under, bevor es da losging? „Was denken sie von unserem Leben", sagte die French-Open-Siegerin Li Na bitter süß lächelnd, „ich musste ein hartes Wintertraining in München absolvieren, um meinen Körper fit und stark für die WTA-Tour in diesem Jahr zu machen."

Caroline Wozniacki, die Ex-Nummereins, steht auf Boxen, um flink und fit zu sein. Und Australian-Open-Champion Victoria Azarenka schaffte erst nach sechs Jahren den großen Coup und nur, weil sie, angetrieben von ihrem Coach Sam Sumyk, auch ein intensives Fitnessprogramm seit zwei Jahre durchzieht.

Eigentlich verwunderlich, dass das Gros der Spielerinnen nur so langsam kapiert, wie wichtig körperliche Fitness im Tennis ist. Es gab doch schon immer exzellente Vorbilder. Margaret Court etwa mit 62 Major-Titeln. „Sie war die erste Spielerin", sagt Billie Jean King, „die Gewichte stemmte, und sie war die Einzige, die damals schon ein Gespür für körperliche Fitness hatte." Oder Martina Navratilova, die neue Maßstäbe für die eigene Fitness setzte und es auf 59 Grand-Slam-Titel, den letzten mit fünfzig Jahren, brachte. Oder Serena und Venus Williams mit zusammen 48 großen Titeln, über die der Ex-Toptenspieler Wayne Ferreira sagt: „Sie dominierten eine Zeit lang das Frauentennis, weil sie schneller rannten und härter schlugen als die unaustrainierten Konkurrentinnen."

Ruhm hin, Geld her - wer das Maximum aus sich herausholen will, muss sich schinden, muss Disziplin haben und muss deshalb auf viele angenehme und schöne Dinge verzichten. Auch die Tennismillionäre. „Ferien", so Lisickis Vater, „Ferien gibt es eigentlich nie. Ferien ist die Zeit im Flugzeug." Oder Julia Görges hat von ihrem in Stuttgart gewonnenen Porsche nichts und will ihn verkaufen: „Nur um den Schlüssel zweimal im Jahr umzudrehen, dafür brauch ich das tolle Auto nicht."

                                                 Eberhard Pino Mueller
 
publiziert: März 2012  --  DTZ Deutsche Tennis Zeitung


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