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Kommentar:  Das Corona-Virus und die Auswirkungen auf die Profi-Tennisturniere

Profitennis aus den Fugen
Corona-Virus hält die ganze Welt, auch das Profitennis in Atem.


Wer hätte gedacht, dass die europäische Sandplatzsaison im Profitennis fast ganz ausfallen würde, nachdem die Macher das nach den Grand-Slams größte Tennisturnier in Indian Wells, als die Spieler schon da waren, wegen eines „unsichtbaren Gegners" abgeblasen haben. Die Entscheidung, die auch von Tommy Haas, dem Turnierdirektor des Events, gefällt wurde, war weitsichtig und goldrichtig. Man hatte die Gefährlichkeit des Corona-Virus gleich erkannt und den ersten Schritt gemacht, um die Ausbreitung des Virus bei Tennisturnieren zu stoppen.

Zum Glück. Es folgten auch gleich andere Turniere dem guten Beispiel. Die Miami Open, ebenfalls ein ATP-Masters 1000er Event, das Rolex Monte-Carlo Masters, der Stuttgarter Porsche Tennis Grand Prix, eines der prestigeträchtigsten WTA Turniere. Wie wichtig diese Absagen waren, stellte sich erst danach richtig heraus, denn das Virus löste nach und nach einen weltweiten Notstand aus, den niemand vorhersehen konnte.

Anfangs glaubte man noch, der Spuk sei nach sechs Wochen vorbei. Von wegen. Nachdem der französische Tennisverband die French Open in Paris absagte, dämmerte es auch bei den Funktionären der internationalen Tennisverbände ATP und WTA. Eine Zwangspause für Tennisturniere wurde bis 7. Juni 2020 verordnet, der Spielbetrieb also bis zum Beginn der Rasensaison eingestellt. Wegen der weltweit dramatischen Situation gab es keine andere Wahl. Viele Länder, die Europäischen Union, auch Amerika haben inzwischen Reisebeschränkungen zur Eindämmung des Corona-Virus verhängt, so dass man zu Turnieren auch nicht mehr beliebig hätte reisen können.

Die Tennisprofis sind arbeitslos, die Turnierveranstalter verlieren Millionen durch den Ausfall der TV- und Werbeeinnahmen und den Tennisfans entgeht ihr geliebter Sport. Nicht genug, es gab gleich auch noch andere Probleme. Was soll mit den Ranglisten passieren, wenn die Spieler*innen ihre im vergangenen Jahr bei den abgesagten Turnieren erzielten Punkte nicht verteidigen können? Fürs Erste haben die Tennisverbände beschlossen, die Ranglistenpunkte einzufrieren, bis das Turnier nachgeholt oder im nächsten Jahr stattfindet. Es war eine richtige Entscheidung. Der Punkteverlust hätte bei einzelnen Tennisprofis, wie bei Roger Federer oder Bianca Andreescu, Angelique Kerber, Venus Williams und anderen zu Benachteiligungen geführt.

Apropos Nachholtermine: Es gab gleich große Verärgerung, weil die Franzosen die French Open eigenmächtig, ohne sich mit der ATP, WTA, ITF und den Spielervertretern abzustimmen, auf den 20. September 2020, eine Woche nach den US Open, verlegt hatten. Es hagelte Proteste, weil es nicht angehe, ohne Vorbereitung zwei Grand-Slam-Turniere hintereinander, in so kurzer Zeit und auch noch auf zwei verschiedenen Belägen (Hartplatz und Sandplatz), abzuhalten. Und außerdem kollidierte der Nachholtermin mit in dieser Zeit parallel laufenden Turnieren. Auch mit dem Laver Cup in Boston, dem Duell „Europa gegen den Rest der Welt", mit Björn Borg und John McEnroe als Mannschaftsführer und Topstars wie Roger Federer und Rafael Nadal. 

Der Ernst der Lage, weil Profitennis, wie nie zuvor, aus den Fugen geraten ist, zwingt zu vernünftigem Handeln. „Die Herausforderung, die sich dem Profitennis durch die Corona-Pandemie stellt", so die Tennisweltverbände ATP und WTA, „erfordert mehr Zusammenarbeit in der Tennisgemeinschaft als je zuvor, um im größten Interesse der Spieler*innen, Turniere und Fans die Lage gemeinsam zu bewältigen."

Ob die Dynamik der inzwischen drastischen Ausbreitung des Virus wirklich in absehbarer Zeit verlangsamt oder gestoppt werden kann, wird von den Experten stark bezweifelt. Man soll den Teufel nicht an die Wand malen, doch es ist zu befürchten, dass auch die Rasenturniere in Deutschland (Mercedes Cup Stuttgart, bett1open Berlin, Noventi Grass Court Open Halle, Bad Homburg Open)  und in Nottingham, s-Hertogenbosch, Birmingham, Eastbourne sowie Wimbledon ausfallen werden, nachdem auch die Olympischen Spiele abgesagt wurden.

Es ist nicht zu verantworten, in ein paar Wochen im Tennis weiterzumachen, als sei die Gefahr gebannt. Wir stehen erst am Anfang der Krise, und die Katastrophe macht vor Tennis nicht halt. Das Schreckensszenarium ist, solange wir keinen Schutz und kein Medikament gegen die Pandemie haben, nicht vorbei. Auch nicht wenn man unter Ausschluss der Zuschauer in leeren Stadien spielen würde, um die Fernsehzuschauer zu befriedigen. Was ist mit den Ballkindern, Schieds- und Linienrichtern, Ordnungskräften, Helfern, Medienvertretern, Coaches, Organisatoren, Spieler*innen, die doch genauso wie die ausgesperrten Fans geschützt werden müssen? - Nur tröstlich, es gibt Wichtigeres im Leben als Tennis.

                                                                                        Dr. Eberhard Pino Mueller

publiziert:   24. März 2020  --  Tennisportal TAKEOFF-PRESS - Presse-Dienst-Süd  - JOURNAL/EURO
   

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