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Bett1ACES - Berlin
Ungewöhnliches Tennis - es muss aber irgendwie auch wieder einmal weitergehen
Es sollte, nach dreizehn Jahren Pause, wieder ein großes Tennisturnier für Damen im LTTC Rot-Weiß Berlin werden, wie früher die German Open der WTA Tour im Steffi-Graf-Stadion - eigentlich. Doch dann kam Covid-19, das unsichtbare Virus, und fast nichts mehr war so wie früher auf der Welt - auch das Profi-Tennis. Fast alle geplanten Sandplatz- und alle Rasenturniere mussten 2020 abgesagt werden, darunter auch die „bett1Open", ein neues Turnier auf Rasen zur Vorbereitung auf Wimbledon im ältesten Tennisclub Deutschlands, der seit 1897 „Lawn-Turnier-Tennis-Club" heißt, obwohl da noch nie ein Tennisturnier auf Gras gespielt wurde.
Der Turnierveranstalter Edwin Weindorfer, der mit seiner Agentur Emotion auch schon in Stuttgart und Wien Tennisturniere organisiert hatte, kam auf die Idee, als Ersatz zwei Einladungsturniere mit 13 Top-Spieler*innen in Berlin zu machen. Natürlich ohne die üblichen Zuschauer, da der Berliner Senat die Tennisshow nur so und nur mit strengen Hygieneauflagen genehmigt hätte, an die der Veranstalter sich halten musste.
Und tatsächlich schaffte es der Österreicher Weindorfer, da sein Hauptsponsor mitmachte und Tennis-Channel, Eurosport, Servus TV und ARD/ZDF Live-Tennis-Übertragungen garantierten, die „bett1ACES", zwei Mini-Ersatzturniere, durchzuführen. Oberste Priorität für ihn war dabei, dass das 36 Seiten lange Infektionsschutzsicherheitskonzept ohne Ausnahme von Spielern, Zuschauern, Mitarbeitern und Medienvertretern eingehalten wird.
Selbst der Turnierveranstalter gesellte sich am Eingang zum Steffi-Graf-Stadion zu einer Handvoll Besucher, um die Prozedur mit Fiebermessung, Registrierung und Desinfektionsschleuse über sich ergehen zu lassen, bevor er mit Mundschutz auf die Anlage durfte.
Überhaupt, es war schon eine seltsame Geschichte für ein Tennisturnier, das man von früher in ganz anderer Erinnerung hatte, als es auf dem idyllischen Gelände im Grunewald am Hundekehlesee von Tennisfans nur so wimmelte. Völlig anders war damals, 1986, als Steffi Graf gegen Navratilova das Turnier gewann, auch das Medienzentrum, wo die WTA für die Journalisten nur gerade einmal ein Telefon, eine Schreibmaschine, ein Telefax- und Kopiergerät zur Verfügung gestellt hatte. So gesehen waren die durch Corona verursachten Einschränkungen wiederum nicht allein so extrem.
Für die „bett1ACES" hatte Weindorfer neben dem Steffi-Graf-Stadion noch eine weitere spezielle Location gewählt. Ein Hangar auf dem stillgelegten ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof, wo auf einem Rebound Ace-Hardcourt gespielt wurde, der mit vorfabrizierten, acrylbeschichteten Platten in einem riesigen Truck angekarrt wurde und auf einer zum Ausgleich des unebenen Betonbodens erforderlichen Holzkonstruktion nahtlos verlegt worden war.
Auch für das Drumherum hatte Weindorfer sich noch einiges einfallen lassen. Um die Linienrichter zu sparen, wurde Line-Calling mit Hawke-Eye-Live-Technologie installiert, wobei Bälle, die im Aus landeten, sofort mit „Fault" oder „Out"-Rufen über Lautsprecher von menschlichen Stimmen signalisiert wurden. Oder: Durch eine offene Seite des Hangars zum Rollfeld konnte man ein historisches Flugzeug mit vier Propellern bestaunen, ein sogenannter Rosinenbomber, mit dem während der sowjetischen Berlin-Blockade1948/49 die Westberliner von den Amerikanern mit Lebensmitteln versorgt wurden. Oder: Für Fernsehaufnahmen schwirrten Drohnen herum.
Für die Einladungsturniere hatten die Organisatoren attraktive Spieler*innen verpflichtet. Neben zweit Top-10-Spielern bei den Herren, den 42-jährigen Tommy Haas, der einmal die Nummer zwei der Welt war und Jan-Lennard Struff, Deutschlands Nummer zwei. Bei den Damen auch zwei der Top-10 sowie Julia Görges und Andrea Petkovic.
Zuerst wurde drei Tage lang auf Rasen um 100 000 Euro gespielt. Struff (ATP-34) kam gegen den Spanier Roberto Bautista Agut (ATP-12), dem er nach sehr gutem Rasentennis nur knapp im dritten Satz in einem Match-Tiebreak unterlag. Auch Tommy Haas verpasste im Match-Tiebreak den Sieg gegen Jannik Sinner, dem 18-jährigen Toptalent aus Südtirol. Julia Görges hatte Pech und musste verletzt im zweiten Satz aufgeben, während Andrea Petkovic gegen die zweimalige Wimbledonsiegerin Petra Kvitova verlor. Im Endspiel der Herren gewann erwartungsgemäß Dominic Thiem (ATP-3) gegen Matteo Berrettini (ATP-8). Das Damenfinale konnte wegen Dauerregen nicht im Steffi-Graf-Stadion ausgetragen werden und wurde in den Tempelhofer Hangar verlegt, wo die Ukrainerin Elina Svitolina (WTA-5) gegen Petra Kvitova (WTA-12) gewann.
Danach ging es für drei Tage auf den Hartplatz am Flughafen Tempelhof. Hier zeigte Tommy Haas noch einmal, was er drauf hat. Er besiegte zunächst Jan-Lennard Struff, der ihn vor drei Jahren bei seinem letzten Profi-Match in Kitzbühel geschlagen hatte, und spielte auch im Halbfinale gegen den späteren Turniersieger Dominic Thiem ein großes Match, bei dem die Nummer drei der Welt alles geben musste. Andrea Petkovic zeigte der 18-jährigen Nachwuchshoffnung Alexandra Vecic, der für Julia Görges eingesprungenen Ersatzspielerin, die Grenzen und gewann beim Spiel um Platz drei auch noch gegen die Weltranglistenfünfte Elina Svitolina. Den Turniersieg bei den Damen holte überraschend die Lettin Anastasija Sevastova gegen die Tschechin Petra Kvitova.
Die „bett1Aces" waren natürlich weit weg von der Normalität - aber wenigstens ein Anfang. Denn irgendwie muss es bei Tennis ja auch wieder einmal weitergehen.
Eberhard Pino Mueller publiziert: 22. Juli 2020 - Tennisportal TAKEOFF-PRESS - Presse-Dienst-Süd - JOURNAL/EURO
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