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Rückblick: Roland Garros 2020
Eine Polin aus dem Nichts und ein Spanier wie von einem anderen Stern.
Fast alles war diesmal bei den French Open in Paris anders als sonst und nicht nur wegen Corona. Wer konnte sich am Anfang des Jahres vorstellen, dass das Traditionsturnier nicht wie immer im Mai/Juni sondern im nasskalten Oktober ausgetragen würde, oder eine Qualifikantin ins Halbfinale kommen und eine nicht gesetzte Neunzehnjährige sich den Titel schnappen würde, oder das Männer-Endspiel auf dem Center Court mit 15 000 Sitzplätzen und einem brandneuen Schiebedach vor fehlenden 14 000 Zuschauern gespielt würde?
Teenager-Wunder - Wieder einmal fragte man sich vor dem Turnier, kommt zu den letzten Roland-Garros-Siegerinnen Barty (2019), Halep (2018), Ostapenko (2017), Muguruza (2016), Serena Williams (2015, 2013), Sharapova (2014, 2012), LiNa (2011), Schiavone (2010) ein neuer Name hinzu. Und, wie bei den French Open in den letzten zehn Jahren schon fast eine Normalität, war es wieder ein neuer Name mit Iga Swiatek (WTA 54), der ersten Polin, die Roland Garros gewann. Der Teenager spielte die sieben Runden so souverän und verlor bis zum Finale nur 28 Spiele - die wenigsten nach Steffi Graf 1988 mit 20 - dass die für Eurosport kommentierende DTB-Damentennis-Chefin Barbara Rittner und der sechsmalige Grand-Slam-Champion Boris Becker nur den Kopf schütteln konnten. „Es ist verrückt", sagte Iga Swiatek bei der Siegerehrung, „vor zwei Jahren habe ich den Juniorinnen-Grand-Slam-Titel in Wimbledon gewonnen und jetzt stehe ich hier!"
Non-Stop - Iga Swiatek, deren Vater 1988 in Seoul bei den Olympischen Spielen als Ruderer dabei war, und die mit 18 Jahren noch zur Schule ging, war die jüngste Roland-Garros-Championesse seit Monica Seles 1992 und der erste Teenager mit einem Grand-Slam-Sieg seit Maria Sharapova 2006. Sie fertigte bis zum sensationellen Titelgewinn u.a. die an Nummer eins gesetzte Simona Halep ab, gegen die sie vor einem Jahr in Roland Garros in 45 Minuten mit nur einem Spielgewinn verloren hatte, sowie im Finale die an vier gesetzte, 21-jährige Australian-Open-2020-Siegerin Sofia Kenin, die ganz jung mit ihren Eltern von Russland nach Amerika kam und damals ein alles andere als leichtes Leben hatte.
Mirakel - Überhaupt: Die favorisierten Topspielerinnen purzelten wie Fallobst im Herbst. Ein Endspiel mit einer 19- und 21-Jährigen, einem U21-Finale wie 2003 zuletzt mit Justine Henin (20) und Kim Clijsters (21), meinte Barbara Rittner lachend im Münchner Eurosport Studio, habe sie nie im Kopf gehabt, dafür aber sechs verschiedene Finale mit sechs verschiedenen Siegerinnen.
Wundersam - Auch die Argentinierin Nadia Podorska (WTA 131) hat Tennisgeschichte geschrieben. Die 23-Jährige erreichte als erste Qualifikantin, seitdem es Profitennis gibt, in Roland Garros das Halbfinale. Nach drei Runden in der Qualifikation folgten fünf Siege im Hauptfeld, auch ein ganz glatter gegen die an drei gesetzte Elina Svitolina, bevor sie, unter den letzten Vier, im Match gegen Iga Swiatek, das Finale verpasste.
Kämpferisch - Eine Erfolgsgeschichte schrieb auch Laura Siegemund. Die 32-Jährige aus Metzingen trat, nach ihrem sensationellen US Open Doppeltitel mit der russischen Partnerin Vera Zvonareva, voller Elan in Paris an und kam mit ihrem kämpferischen Tennis bis ins Viertelfinale eines Grand Slam-Turniers, was sie in ihrer Tenniskarriere noch nie geschafft hatte. Obwohl sie wegen Rückenproblemen ihr Zweitrundenmatch mit Zvonareva im Doppel beenden musste, besiegte sie im Einzel die Französin Kristina Mladenovic, Julia Görges (in Runde zwei) und die an elf gesetzte Kroatin Petra Martic, bevor die zweimalige Wimbledonsiegerin Petra Kvitova aus Tschechien ihr den Sprung ins Halbfinale vermasselte.
Bitter - Die dreimalige Grand-Slam-Siegerin Angelique Kerber wurde von der neunzehnjährigen Slowenin Kaja Juvan (WTA 101) sang und klanglos gleich in der ersten Runde abserviert. Auch für Tamara Korpatsch gegen Amanda Anisimova (USA / 25) und Andrea Petkovic gegen die Bulgarin Tsvetana Pinkova kam gleich in Runde eins das Aus.
Genialer Matador - Der spanische Tennisspieler Rafael Nadal hat es zum dreizehnten Mal wieder allen auf dem Sand in Roland Garros, „meinem liebsten Turnier, dem ich alles verdanke", gezeigt. Nadal fertigte im Endspiel den Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic, obgleich dieser voll dagegen zu halten versuchte, mit 6:0 und 6:2 in den ersten beiden Sätzen gnadenlos ab. Es war eine Demütigung. „Was du auf diesem Platz machst," sagte Djokovic zu Nadal bei der Siegerehrung, „ist unglaublich. Du hast gezeigt, warum du der Sandplatzkönig bist. An der eigenen Haut habe ich es erfahren." Nach Boris Beckers Meinung habe Novak keine Chance gehabt, denn Nadal sei auf diesem Platz „unspielbar" gewesen.
Einmalig - Nadals Statistik ist einmalig. Dreizehn Grand-Slam-Titel bei ein und demselben Major, hundert Matchgewinne bei nur zwei Niederlagen bei den French Open und sechs Grand-Slam-Titel im Alter über dreißig Jahren hat im Profitennis noch kein Spieler geschafft. Hinzu kommt noch, dass er jetzt mit seinem zwanzigsten Grand-Slam-Titel mit Roger Federer die Bestenliste anführt.
Bravourstück - Bei einem Grand-Slam-Debüt hat es seit 1994 kein Tennisspieler mehr von der Qualifikation bis ins Achtelfinale geschafft. Doch Daniel Altmaier (ATP 186), der noch nie zuvor bei einem Grand-Slam-Turnier, noch nicht einmal bei der Qualifikation gespielt hatte, brachte dieses Kunststück fertig. Der 22-Jährige schlug den Spanier Feliciano Lopez, Jan-Lennard Struff (Nr.30), den Italiener Matteo Berrettini (Nr.7) und konnte erst von Pablo Carreno Busta gestoppt werden.
Die Zukunft - Es ist normal, dass man von Alexander Zverev nach dem US Open-Finale auch in Roland Garros Großes erwartete. Es lief auch drei Runden sehr gut, bis es Zverev gegen das 19-jährige Supertalent Jannik Sinner aus Südtirol unter den letzten Sechzehn erwischte. Der 23-jährige Zverev (Nr.6), unter einer Erkältung leidend, kam mit dem aggressiven Spiel des aufstrebenden Teenagers an diesem Tag nicht zurecht. - Apropos: Philipp Kohlschreiber gegen den Chilenen Cristian Garin (Nr.20) und Dominik Koepfer gegen den dreimaligen Grand-Slam-Champion Stan Wawrinka kamen, wie erwartet, an ihren Gegnern nicht vorbei.
Die Krönung - Das Duo Kevin Krawietz / Andreas Mies, mit dem Sensations-Doppeltitel 2019 in Paris, war heiß auf die Titelverteidigung. Die Kramies, wie man sie nennt, putzten, woran sie eigentlich selbst nicht geglaubt hatten, wieder alle weg. „Wenn mir das einer zuvor gesagt hätte", gab Andreas Mies schmunzelnd zum Besten, „hätte ich gefragt: Wie viele Biere hattest Du?" Sie mussten in der dritten Runde allerdings drei Matchbälle abwehren, und sie seien, so die beiden Spaßvögel, schon dreimal auf der Autobahn gewesen, hätten aber dann immer einen U-Turn gemacht. Eberhard Pino Mueller
publiziert am 13. Oktober 2020 -- Tennisportal TAKEOFF-PRESS -- Presse Dienst Süd -- Journal / Euro
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