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US Open 2021 - New York
„Wir sprachen Ewigkeiten von der Wachablösung. Sie findet gerade statt."
Es ging diesmal bei den US Open in New York richtig drunter und drüber - ja ungewöhnlich spektakulär. Schon in der ersten Woche. Aber nicht nur wegen Corona oder beim Tennis, sondern auch wegen Hurrikane „Ida", der über die Millionenmetropole hinwegfegte und Überschwemmungen von nicht bekanntem Ausmaß mit Chaos auslöste, wobei acht Menschen ums Leben kamen. Der Bürgermeister musste den Notstand ausrufen. Der Spielbetrieb beim Tennisturnier in Flushing Meadows musste natürlich auch eingestellt werden.
Auch Angelique Kerber hatte es erwischt. Ihr Match im Louis-Armstrong-Stadion konnte, trotz Überdachung, nicht gespielt werden, weil der Hurrikane den Regen seitlich in die Arena peitschte. Kerber konnte wie alle Spieler/innen und tausende Menschen auf der Anlage am Abend zunächst nicht zurück in ihre Hotels nach Manhattan oder nach Hause in NY, da der Autoverkehr und die U-Bahn zeitweise komplett eingestellt werden mussten und erst weit nach Mitternacht wieder langsam in Gang kamen.
Nach all dem, was äußerst dramatisch war, war es dann doch nicht so ärgerlich, NICHT in New York bei den US Open dabei zu sein, weil es wegen Corona nur eingeschränkte Einreisemöglichkeiten und Presseakkreditierungen gab.
Neue Gesichter, Qualifikanten, Nobodys und Teenager sorgten von der ersten Runde an für faustdicke Überraschungen. Selbst gesetzten Spieler*innen, ja sogar Grand-Slam-Champions verstanden die Tenniswelt nicht mehr. So fertigte Philipp Kohlschreiber (ATP 109) den gesetzten US Open-Sieger 2014 Marin Cilic aus Kroatien gleich im ersten Match ab.
Auch zwei deutschen Qualifikanten räumten unerwartet im Hauptfeld richtig auf. Der 32-jährige Münchner Peter Gojowczyk (ATP 141), der bei 22 Grand-Slam-Turnieren nur fünfmal im Hauptfeld die erste Runde gewonnen hatte, schaffte diesmal drei Runden. Erst das spanische Supertalent Carlos Alcaraz, der zuvor schon Griechenlands Tennisstar Stefanos Tsitsipas (ATP 3) sensationell eliminiert hatte, konnte „Gojo" im Achtelfinale in fünf Sätzen niederringen. Auch Oscar Otte (ATP 144) kam völlig überraschend ins Achtelfinale, wo er sich nach hartem Kampf gegen den Wimbledon-Finalisten Matteo Berrettini (ATP 7), nach einer Handverletzung im vierten Satz, geschlagen geben musste.
Einen großartigen Lauf legte auch Botic Van De Zandschulp (ATP 117) aus der Qualifikation hin. Der Holländer schlug unter anderen den an 11 gesetzten Diego Schwartzman und schied als erst dritter Qualifikant, der in der Geschichte der US Open bis ins Viertelfinale kam, gegen Daniil Medvedev (ATP 2) aus. Das gleiche Kunststück schaffte auch der erst 18-jährige Spanier Carlos Alcaraz (ATP 38), der ebenfalls erst unter den letzten Acht gegen das 21-jährige Tennistalent Felix Auger Aliassime (ATP 11) verlor. Übrigens: Alcaraz war der jüngste männliche Viertelfinalist und Auger Aliassime der erste kanadische Halbfinalist seit 1969 bei den US Open.
Stefanos Tsitsipas und Diego Schwartzman waren nicht die einzigen Topspieler, die von Außenseitern abserviert wurden. Auch Rublev (ATP 5) gegen Frances Tiafoe (ATP 52) und Aslan Karatsev (ATP 21) gegen den 20-jährigen Jenson Brooksby (ATP 81) erging es ebenso. Das aber war gar nichts, gegenüber dem, was sich im Damenfeld abgespielt hat.
Selbst Tennisinsider konnten sich nicht vorstellen, was für unerwartete Tennismärchen passieren und wie zwei Spielerinnen, die quasi aus dem Nichts kamen, das ganze Feld aufrollen würden. Als die noch 18-jährige Kanadierin Leylah Fernandez (WTA 73) die an drei gesetzte Titelverteidigerin Naomi Osaka schlug, hielt man das für einen Ausrutscher der Japanerin. Als Fernandez danach auch Angelique Kerber (Nr.16), Elina Svitolina (Nr.5) und Aryna Sabalenka (Nr.2) auf dem Weg ins Finale besiegte, war klar, dieser Teenie ist keine Eintagsfliege. Wie auch die 18-jährige Britin Emma Raducanu (WTA 150), die vor drei Monaten noch zur Schule ging und nun in neun Matches ohne Satzverlust zum Titel stürmte. Historisch dabei: Sie war die erste Spielerin nach Billie Jean King 1979 und Kim Clijsters 2009, die jenseits der Top-100 so weit in NY kam und die erste Qualifikantin, die jemals einen Grand-Slam-Titel holte und die jüngste Major-Siegerin seit Maria Sharapova 2004. Nach dem Turniersieg gratulierte ihr sogar Queen Elizabeth: „Das ist ein beeindruckender Erfolg in so jungen Jahren und ein Beleg für harte Arbeit und Einsatz."
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