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Roland Garros 2022 - Paris
Wie besessen den Titeln nachgejagt
Das mit dem roten Sand in Roland Garros ist so eine Sache. Ein John McEnroe, Jimmy Conners, Arthur Ashe, Stefan Edberg, Pete Sampras, Boris Becker, die Superstars früherer Jahre, können ein Lied singen, denn überall holten sie große Titel, nur nicht in Paris bei den French Open. „Ich kam bei einigen großen Momenten durch und bei einigen nicht", sagte der siebenmalige Grand-Slam-Sieger Stan Smith, der in Roland Garros diesmal den „ITF Philipp Chartier Award" bekam, „das ist das Großartige aber auch Bittere bei Tennismatches."
Treffender hätte Stan Smith es nicht formulieren können. Das Favoritensterben der Spielerinnen auf dem Sand im Stade Roland Garros war schon in der ersten Turnierwoche irre - aus der Traum vom Titel in Paris für neun der zehn Topgesetzten, darunter die Ex-French-Open-Siegerinnen Garbine Muguruza, Jelena Ostapenko, Simone Halep und Barbora Kreicikova.
Erstaunlich wie ganz junge Spielerinnen ohne Komplexe frech auftrumpften und sich nicht vor Ehrfurcht in die Hose machten. Die 18-jährige US-Amerikanerin Coco Gauff und 19-jährige Teenies wie die Kanadierin Leylah Fernandez, die Französin Diane Parry, die Engländerin Emma Raducanu und die Chinesin Quinwen Zheng ließen erfahrene Gegnerinnen wie Elise Mertens (26 Jahre), Belindo Bencic (25 J.), Barbora Krejcikova (26 J.) oder Simona Halep (30 J.) alt aussehen.
Die erst 18-jährige Nastasia Schunk, eine der fünf deutschen Spielerinnen, rutschte als Lucky Loserin ins Turnier. Die Finalistin des letztjährigen Wimbledon-Juniorinnen-Turnier knüpfte der zweimaligen Grand-Slam-Siegerin Simone Halep einen Satz ab und zeigte gleich, dass mit ihr in Zukunft zu rechnen ist, wie mit der 22-jährige Jule Niemeier, die sich über die Qualifikation in ihr erstes Major-Hauptfeld gekämpft hatte. Die Dortmunderin bereitete der früheren US-Open-Siegerin und Paris-Finalistin Sloane Stephens mit wuchtigen Schlägen große Probleme, bevor sie angeschlagen, „bitter enttäuscht und frustriert", so Niemeier, als Verliererin den Platz verließ.
Die drei „alten Hasen" Andrea Petkovic, Tatjana Maria und Angelique Kerber, alle mit 34 Jahren im gleichen Alter, waren auch diesmal, wie schon oft, wieder in Paris dabei. „Das war," für Andrea Petkovic, die als 19-Jährige, 2007, zum ersten Mal am Bois du Boulogne gespielt hat, „wie die erste große Liebe." Dass Petkovic nach 2020 und 2021, als sie jeweils in der ersten Runde in Paris rausflog, nicht mit Tennis Schluss gemacht hat, lag an einem WTA-Turnier im rumänischen Cluj, „wo ich versehentlich gewonnen habe und plötzlich wieder auf Rang 62 stand." Andrea Petkovic zeigte, dass sie noch nicht zum alten Eisen zählt, gewann die erste Runde und spielte gegen die zweimalige Grand-Slam-Siegerin Viktoria Azarenka, angefeuert mit „auf geht*s Petko" von den zahlreichen, deutschen Fans, richtig gutes Tennis, das die begeisterten Zuschauer mit La-Ola-Wellen mitriss. Mit fröhlichem Lächeln, trotz Niederlage, kam Petkovic zur Pressekonferenz zu ein paar deutschen Journalisten. „Vom Willen und von der Liebe zum Tennis, nicht wegen des Geldes", räsonierte sie, „würde ich noch zehn Jahre weiterspielen. Ich muss aber auf meinen Körper hören und mich danach richten." Kein Problem für die vielseitige Darmstädterin, die nebenbei ein zweites Buch und Kolumnen schreibt und beim Fernsehen moderiert.
Tatjana Maria kam nach ihrem zweiten WTA-Titelgewinn in Bogota guten Mutes nach Roland Garros, doch gegen die Rumänin Sorana Cirstea, eine gesetzte Spielerin, war sie chancenlos. Als Mutter von zwei kleinen Mädchen wird auch sie sich nicht langweilen, wenn mit Tennis mal Schluss sein wird.
Angelique Kerber konnte diesmal die schlechten Pariser Erinnerungen ihrer Erstrundenniederlagen in den letzten drei Jahren verdrängen, weil sie direkt von Straßburg mit einem Turniersieg anreiste. Doch beinahe hat es sie gleich wieder erwischt, wenn sie im ersten Match gegen die Polin Frech nicht einen Matchball abgewehrt hätte. Nachdem Kerber die zweite Runde hinter sich gebracht hatte, sitzt du auf dem neuen Court Simonne-Mathieu, der wunderschön in den angrenzenden Botanischen Garten gelegt worden war, um ihr beim Match zum Einzug ins Achtelfinale zuzuschauen. Du hast dabei, nach den trostlosen Corona Jahren 2020 und 2021 ohne Zuschauer, das Gefühl, es sei noch nie zuvor so schön auf der Anlage am Bois du Boulogne gewesen. Doch wie Kerber gegen Aliaksandra Sasnovich spielte, war nicht berauschend. Du träumst von der leichtfüßigen Steffi Graf und ihrem wunderbaren Tennis und siehst eine Kerber, die vom aggressiven Spiel der Belarussin in zwei Sätzen überfahren wird - tröstlich immerhin Kerbers Worte, einer dreimaligen Grand-Slam-Siegerin: „Wenn du alles erreicht hast, spielst du für die Liebe zum Spiel."
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