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Boss Open 2023 - Stuttgart
Jubel und Trubel auf dem Stuttgarter Weissenhof
Das Stuttgarter Tennisturnier, das älteste in Deutschland, gibt es schon seit 125 Jahren. Das Traditionsturnier, inzwischen auf Rasen, hat einen optimalen Termin nach den French Open und vor Wimbledon, was dazu beiträgt, Top-Spieler anzulocken. Im Vorfeld konnte man, auch diesmal wieder, ein außergewöhnliches Turnier erwarten.
Zuerst jedoch gab es ein paar Enttäuschungen und unerwartete Rückschläge. Alexander Zverev, der auf seiner Comeback-Tour in Roland Garros bis ins Halbfinale gekommen war, musste wegen einer Zerrung absagen…. Für die vier deutschen Spieler, Max Hans Rehberg, Henri Squire, Mats Rosenkranz und Louis Wessels, kam gleich in der ersten Quali-Runde das Aus…. Unerwartet erwischte es einen der Turnierfavoriten, den Wimbledon-Finalisten 2021 und zweimaligen Turniersieger in Stuttgart (2019 und 2022) Matteo Berrettini (ATP 20) gleich in der erste Runde gegen seinen Landsmann Lorenzo Sonego (ATP 48)…. Nicht besser erging es Oscar Otte. Der Vorjahres-Halbfinalist, inzwischen auf ATP 141 verletzungsbedingt abgerutscht, war wegen nächtlichem Fieber nicht fit in sein erstes Match gegangen und kassierte gegen den Franzosen Gregoire Berrere (ATP 58) seine vierte Erstrunden-Niederlage in diesem Jahr…. Auch Daniel Altmaier (ATP 59) kam nicht weiter und schied gegen den Australier Christopher O'Connell (ATP 74) aus… Und dann war da auch noch Nick Kyrgios (ATP 25) für seine Fans eine Enttäuschung. Der unberechenbare Publikumsliebling, der nach einer Knie-Operation in diesem Jahr noch kein Turnier spielen konnte, flog auch gleich in der ersten Runde gegen den Chinesen Yibing Wu (ATP 54) raus.
Alles nicht schlimm, denn es gab in dem international stark besetzten Teilnehmerfeld noch genug attraktive Profis - etwa die Amerikaner Taylor Fritz an zwei, Frances Tiafoe an drei und Tommy Paul an fünf, den Griechen Stefanos Tsitsipas an eins, den Polen Hubert Hurkacz an vier, den Italiener Lorenzo Musetti an 6 gesetzt. Als letzter Deutscher war auch noch Jan-Lennard Struff dabei.
Überraschungen dann am laufenden Band. Stefanos Tsitsipas (ATP 5) gegen Richard Gasquet (ATP 49) und Tommy Paul (ATP 15) gegen Jan-Lenard Struff (ATP 24) schieden schon vor dem Viertelfinal aus und Lorenzo Musetti (ATP 18) kam auch nur noch eine Runde weiter.
Großartig spielten sich Jan-Lenard Struff und Frances Tiafoe (ATP 12) ins Finale. „Struffi" fertigte dahin nach dem Amerikaner Tommy Paul auch den Franzosen Richard Gasquet und Polen Hubert Hurkacz (ATP 14) ab, während „Big Foe" den Tschechen Jiri Lehecka, Italiener Lorenzo Musetti und Ungarn Marton Fucsovics besiegte.
Der deutsche 33-jährigen Lokalmatador gegen den sympathischen 25-jährigen US-Amerikaner war für die Boss Open ein Traumfinale. Für Struff war es nach der sensationellen Finalteilnahme beim Masters-Turnier in Madrid das dritte ATP-Tour-Finale seiner langen Karriere. Für Frances Tiafoe, den US-Open-Halbfinalisten, ging es um seinen ersten Titel auf Rasen. Die Beiden lieferten den 5000 Zuschauern auf dem ausverkauften Center Court am TC Weissenhof ein packendes Endspiel, bei dem die deutschen Fans ihren „Struffi" gepusht haben, aber auch „Big Foe", ein guter Typ wegen seiner bunten Klamotten und seinem emotionalen Verhalten, das bei den Zuschauern gut ankam.
Jan-Lennard Struff hielt in drei dramatischen Sätzen toll mit, auch im Match-Tiebreak mit einem Matchball, den Tiafoe abwehren und mit seinem dritten, den Triumph als überglücklicher Sieger bejubeln konnte. „Mein dritter Titel und auch noch auf Gras", sagte er hinterher: „Ich kann es noch nicht glauben, dass ich das unglaubliche Match gewonnen habe. Er hätte es genauso verdient gehabt" Geknickt sagte Jan-Lennard Struff auf dem Platz bei Servus TV: „Es war der Wahnsinn. Ich habe mein Herz auf dem Platz gelassen. Es tut richtig weh, das enge Match vor Euch zu verlieren. Es war aber eine wunderschöne Woche für mich. Heute war eine unfassbare Stimmung, vielen Dank für die Unterstützung." Boris Becker, der das ganze Match auf der Tribüne verfolgt hatte, war begeistert und lobte Struff im Fernsehen: „Er spielte Weltklasse. Ich wünsche ihm, dass das noch lange weitergeht. Ich sehe keine Grenze." Auch wenn es nach Michael Stich 1991, vor 35 Jahren, wieder keinen deutschen Gewinner auf dem Stuttgarter Weissenhof gab, konnte Struff immerhin mit 63 740 Euro Preisgeld abziehen. Übrigens: Auch das deutsche Tennis-Doppel Kevin Krawietz / Tim Pütz verpasste den Titel im Endspiel in Stuttgart.
Eberhard Pino Mueller
publiziert: 19. Juni 2023 - Tennisportal TAKEOFF-PRESS -- Presse Dienst Süd --- Journal / Euro
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