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Trainerkarussell  -  oder die Gier nach Erfolg


Vielleicht ist ja alles für die Katz. Woher will man wissen, ob ein neuer Coach wirklich inspiriert, motiviert und einen zu einem besseren Tennisspieler oder einer besseren Tennisspielerin macht - oder ob er mit seinen gut gemeinten Ratschlägen nicht ankommt oder sogar verwirrt? Dennoch: Die Profis, gierig nach Erfolg, versuchen es natürlich immer wieder in der Hoffnung, dass es klappt. Und so dreht sich das Trainerkarussell beim Tennis, wo viel Geld im Spiel ist, immer schneller.

Früher waren die Spieler-Coaches vorwiegend ausgebildete Trainer oder Tennisprofis, die es selbst nicht weit genug gebracht hatten oder noch Geld verdienen mussten. In den letzten Jahren kamen dazu auch immer mehr „Star-Coaches" wie Ivan Lendl, Boris Becker, Goran Ivanisevic, Stefan Edberg, Michael Chang, Amelie Mauresmo, Justine Henin. Man fragt sich, warum tun sie sich das an? Ist es Langeweile? Vermissen sie die Tennisszene? Machen sie es für ihr Ego? Oder was sonst  treibt sie zu einem riskanten Trainer-Experiment?

Angestoßen wurde der Star-Coach-Boom von Ivan Lendl, der Andy Murray, der jahrelang im Schatten von Federer, Nadal und Djokovic ohne Grand-Slam-Erfolg stand, zum Grand-Slam-Champion coachte. Ein Glücksgriff, denn das Klischee, der Spieler ist nur so gut wie der Coach, ist Quatsch. Auch Trainerbeziehungen, selbst mit den renommiertesten Trainern, funktionieren oft nicht besser, auch oft nicht lange oder gar nicht.

Philipp Kohschreiber kann davon ein Lied singen. Als er mit seinen Langzeit-Trainern Michael Geserer und Stefan Eriksson stagnierte, verpflichtete er den international renommierten Trainer Thomas Hogstedt (mit Nicolas Kiefer, Tommy Haas, Na Li erfolgreich) und kurz darauf den Schotten Miles Maclagan (führte Andy Murray auf Platz zwei in der Welt). Ein Fehler. „Sie wollten zuviel an meinem Spiel umstellen", sagte Kohlschreiber, „dabei habe ich meine Stärken verloren." Kohlschreiber ist zurück in der bayrischen Tennisbase, „im gewohnten Umfeld, wo ich Geborgenheit und Trainer habe, die mich von klein auf kennen", und jetzt mit seinem Freund, Coach und Manager Stephan Fehske bei Turnieren unterwegs. 

Auch bei Andy Murray lief es nicht mehr so gut, als dessen Super-Coach Ivan Lendl absprang. Als Ersatz hatte Murray dann die Ex-Weltranglistenerste Amelie Mauresmo angeheuert, mit der er aber kein Grand-Slam-Turnier gewinnen konnte. Übrigens: Patrick Mouratoglou, der seit Jahren Serena Williams coacht, hält grundsätzlich nichts von Trainerinnen im Männertennis. Lendl kam zurück, als zwischen Murray und Mauresmo Schluss war, und gleich gewann der Schotte wieder Wimbledon und eine zweite Goldmedaille in Rio.

Topspieler können von Coaches aber nur profitieren, wenn die Chemie stimmt. Wer jedoch meint, Weltklasse-Tennisspieler zu trainieren, sei der einfachste Job, weil sie nämlich keine Trainer brauchen, liegt falsch. Bob Brett (Trainer von Boris Becker, Ivanisevic, Cilic…) sagt: „Auch die Nummer eins muss was tun, der Status ist







sonst schnell weg." Und Nicki Pilic meinte schon vor Jahren: „Die Nummer eins zu werden ist ohne Elite-Coach nicht mehr möglich." So nimmt auch ein Roger Federer neben Severin Lüthi, dem Schweizer Davis-Cup-Coach, Freund und Dauerbegleiter, immer wieder Teilzeit-Coaches  - unter anderen Tony Roche (Coach von Lendl, Rafter… ), Paul Annacone (sieben Jahre Trainer von Sampras), Stefan Edberg und Ivan Lubicic.

Dass Novak Djokovic, die Nummer eins der Welt, sich Boris Becker holte, kam aus heiterem Himmel. Der Serbe hatte mit seinen Landsmann Marian Vajda, der im Haus von Novak ein und aus geht und mit ihm zwölf seiner Grand-Slam-Titel geholt hatte, doch einen Super-Coach. Nicht genug. Mit dem Duo Vajda-Becker wollte Djokovic seine Spitzenposition noch ausbauen - und es hat geklappt.

Schnell kamen nun auch andere auf den Dreh. Marin Cilic heuerte den Ex-Weltranglistenzweiten Goran Ivanisevic 2013 an und gewann gleich im nächsten Jahr seinen ersten Grand-Slam-Titel bei den US Open. Nachdem weitere ganz große Erfolge ausblieben, haben sich die beiden getrennt. Ivanisevic ist jetzt mit Tomas Berdych zusammen, der seit fünf Jahren hinter den großen Vier in den Top 10 steht und nun wissen will, ob mit Ivanisevic nicht doch mehr geht.

Auch der Japaner Kei Nishikori, der seit zwei Jahren unter den Top 10 herumdümpelt und in diesem Jahr nur eine Bilamz von 2-8 gegen die ersten Zehn aufweist, versucht inzwischen mit dem ehemaligen Weltranglistenzweiten Michael Chang, an das Niveau der Top-Champions heranzukommen.

Milos Raonic, der junge kanadische Aufschlagriese, will mehr. Er will die Hierarchie der großen Vier brechen und Grand-Slams gewinnen. Regelmäßig hat er einen von drei Coaches dabei und neuerdings als Teilzeit-Trainer für zehn Wochen im Jahr auch noch John McEnroe, von dem Günter Bresnik sagt, er sei wie Ivan Lendl ein absoluter Top-Coach, aber natürlich nicht für jeden. Die taktische Zusammenarbeit hat Raonic schon positiv verändert. „Jetzt lache ich auch mal, selbst wenn es brenzlig ist und bin am Netz selbstbewusster", sagt Raonic, was ihn in Wimbledon auch gleich ins Finale gebracht hatte. 

Eigentlich brauchen viele Tennisprofis überhaupt keinen Extra-Coach, da diese Aufgabe ein Mitglied der Familie übernehmen kann. Martina Hingis hatte während ihrer großartigen Karriere immer die Mutter Melanie Molitor an ihrer Seite und Jennifer Capriati ihren Vater. Auch Alexander Zverev ist bis jetzt mit seinem Vater, der früher Davis-Cup-Spieler in der Sowjetunion war, hervorragend voran gekommen.

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