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Barbara Rittner, die Fed-Cup-Teamchefin, über das deutsche Damentennis, die Bilanz 2009 und die Ziele für 2010.
„Die Mädels sind alle noch jung und stehen am Anfang ihrer Karriere"
Frau Rittner, was waren ihre Tennishöhepunkte 2009?
Barbara Rittner: Natürlich der Aufstieg mit dem Fed-Cup-Team in die höchste Klasse und dabei die Siege in den entscheidenden Doppeln in Zürich gegen die Schweiz und in Frankfurt gegen die Chinesinnen. Emotional wie sportlich zwei Riesen-Highlights. Aber auch das Viertelfinale von Bine (Sabine Lisicki) in Wimbledon. Das auf dem Centre Court mitzuerleben, wie Bine nur ganz knapp gegen Safina das Halbfinale verspielte, war irre.
Hatten sie noch andere Erlebnisse, die sie emotional berührten?
Barbara Rittner: Was mir sehr nahe ging, waren zwei Mädels. Dass Petko (Andrea Petkovic) und Tadel (Tatjana Malek) nach acht, neun Monaten Pause 2008, die eine mit einem Kreuzbandriss, die andere mit einer Lungenembolie, so zurückkommen und sich inzwischen fast wieder in die Top-50 gespielt haben, waren ganz tolle Leistungen, vor denen ich den Hut ziehe.
Zwei, drei Sätze zu ihren Mädels.
Barbara Rittner: Bine, deren Ziel 2009 eigentlich die ersten Fünfzig waren, hat ein unglaubliches Jahr gespielt, mit einem Turniersieg in Charleston und großartigen Auftritten mit der Mannschaft wie auch in Wimbledon. Sie ist neunzehn Jahre jung und schon fast unter den Top-20 und steht erst am Anfang ihrer Karriere. Anna (Anna-Lena Grönefeld) hat zwei entscheidende Doppel im Fed Cup gewonnen. Sie arbeitet körperlich hart an sich und hat auch wieder zu früherer Stärke gefunden. Ich bin froh, sie im Team zu haben. Kristina (Barrois) hatte eine unglaublich positive Entwicklung mit guten Leistungen auch bei alle Grand-Slam-Turnieren, wo sie leider ein bisschen Pech mit der Auslosung hatte. Sie war die beste Ersatzspielerin im Fed Cup, die man haben kann. Mit Petko, die praktisch bei Null nach ihrer Verletzung anfangen musste, hatte niemand gerechnet. Sie hat sich gequält, hart gearbeitet und einen Turniersieg in Bad Gastein errungen. Sie hatte eine tolle Entwicklung und sich in der Rangliste beachtlich schnell wieder vorgearbeitet. Tadel, die letztes Jahr gar nicht wusste, ob sie jemals wieder Tennis spielen kann und dazu kam noch der Tod ihres Vaters, hat alles überwunden und ist doppelt so stark zurückgekommen. Respekt! Respekt! Eine Jule (Julia Görges), die auch einen Turniersieg bei einem Tausenderturnier feiern durfte, hat ihr Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft und ist voll auf dem Weg nach oben. Angie (Angelique Kerber), die abzustürzen drohte, hat sich wieder gefangen.
Haben alle Spielerinnen ihre Ziele erreicht?
Barbara Rittner: Ich bin durchweg positiv gestimmt. Man darf nicht vergessen, die Mädels sind alle noch jung und stehen am Anfang ihrer Karriere. Wenn sie gesund bleiben und so weitermachen, stehen einige schon bald weiter oben in der Weltrangliste. Das Potenzial ist da. Eine Jule Görges gehört vor und nicht da hin, wo sie steht. Auch bei Tadel und Petko muss man einfach noch ein bisschen Geduld haben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie mehr Erfahrung bei großen Matches auf großen Plätzen gesammelt haben, um dann die ersten Dreißig anzupeilen. Sie haben alle ihre Qualitäten. Allen voran Bine. Ihr traue ich durchaus schnell mal den Sprung in die ersten Zehn zu, weil sie ein dominantes Spiel hat. Aber auch Anna könnte, auf dem Weg, wo sie gerade ist, wieder unter die ersten Zwanzig zurückkommen. Sie ist von ihrer Veranlagung her, und weil sie in der Lage ist, unter Druck im Doppel ihr bestes Tennis abzurufen, wie sie auch mit ihrem Wimbledonsieg im Mixed gezeigt hat, eine feste Größe für unser Team.
Was sagen sie dazu, dass immer mehr Damenturniere in Deutschland sterben?
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Barbara Rittner: Kein Turnier mehr in Berlin, das tut unheimlich weh. Das ist für mich nach zwanzig Jahren, zuerst noch als Spielerin, total ungewohnt. Ich war gottfroh, beim Jugendturnier dabei gewesen zu sein, weil etwas wie Berlin sonst ganz gefehlt hätte. Schön, dass es wenigstens den Porsche Cup in Stuttgart noch gibt. Es ist ein Lieblingsturnier unserer Mädels, aber auch von mir als Coach und Betreuerin, weil die Anke (Huber) und Markus Günthardt, die Turnierdirektoren, alles toll organisieren und uns mit Wildcards unterstützen. Wir haben dann noch zwei kleinere Fünfzigtausenderturniere in Biberach und Ismaning, die auch für unsere Nachwuchsspielerinnen sehr wichtig sind. Wir arbeiten daran, auch wieder das eine oder andere größere Turnier zu installieren, aber in der heutigen Situation ist das schwierig. Wir hoffen deshalb auf ein Heimspiel im Fed Cup im nächsten Jahr.
Sie sind auch für den weiblichen Nachwuchs zuständig. Was tut sich da?
Barbara Rittner: Wir haben wirklich gerade Lichtblicke, etwa bei den 15- bis 16-Jährigen. Eine Anna-Lena Friedsam steht um die zwanzig auf der ITF-Jugend-Weltrangliste mit Siegen in Berlin und Offenbach. Auch Annika Beck, ebenfalls Jahrgang 94, ist drauf und dran durchzustarten. Oder Carina Witthöft, gerade mal 14 Jahre alt, hat sich bei ihrem ersten Zehntausenderturnier über die Quali bis ins Halbfinale gespielt. Die haben alle ein unheimliches Potenzial, weshalb ich mich schon auf eine engere Zusammenarbeit freue, um sie an die jetzige Generation heranzuführen.
An eine eigentlich doch noch junge Generation…
Barbara Rittner: Ja schon. Meine Mädels können im Prinzip als Mannschaft noch fünf bis zehn Jahre spielen. Das ist schön. Die Jungen haben also Zeit, sich zu entwickeln, um dann von hinten Druck zu machen, was ja nichts schadet.
Wo steht das deutsche Damentennis in der Welt?
Barbara Rittner: Ich höre in letzter Zeit immer wieder: „Mensch, bei euch geht's jetzt aber wieder ab, ihr habt ja gute, junge Spielerinnen." Das seh' ich auch so, sonst wären wir nicht in die Weltgruppe aufgestiegen. Unsere Mannschaft hat eine unheimliche Leistungsdichte. Mit ihr ist alles möglich, auch einmal ein Halbfinale oder Finale im Fed Cup.
Wie weit weg sind die Mädels von der Weltspitze?
Barbara Rittner: Spielerisch gar nicht so weit. Das haben sie wiederholt bei großen Turnieren in diesem Jahr gezeigt. Eine Malek gegen Mauresmo, eine Görges gegen Kuznetsova oder die Barrois wie auch Lisicki gegen Safina. Wenn man solche Matches gegen Topspielerinnen ein paar Mal gespielt hat, ist man cooler und nutzt dann auch seine Chancen wie Bine, die in Wimbledon gegen die French-Open-Siegerin Kuznetsova für eine Überraschung gesorgt hat.
Welche Hoffnungen, Erwartungen und Ziele haben sie für 2010?
Barbara Rittner: Zuerst einmal, dass alle gesund bleiben und fitt sind. Dann, dass die Entwicklung bei allen so weitergeht. Auch, dass die Mädels bei der Auslosung vor allem bei den Grand Slams mehr Glück haben, denn in diesem Jahr waren es wahrlich keine Traumlose. Und, dass sie mit ihren Heimtrainern gut, fleißig und hart arbeiten, um sich auf der Weltrangliste zu verbessern. Ich hoffe, dass die junge Garde jetzt wirklich die Konstanz hat, vorne mitzumischen. Ich sehe da noch viel Potenzial, das ausgeschöpft werden kann. Für den Fed Cup ist unser gemeinsames Ziel, die Partie gegen Tschechien zu gewinnen, um dann das erste Halbfinale seit langen zu erreichen.
Kurz noch ein Gesamtfazit.
Barbara Rittner: Die Mädels sind alle auf dem richtigen Weg und voll im Soll. Die Arbeit hat sich ausgezahlt, so dass jetzt neue, höhere Ziele angepeilt werden können.
Eberhard Pino Mueller
publiziert: Oktober 2009 -- DTZ Deutsche Tennis Zeitung Tennisbibliothek TAKEOFF-PRESS Presse-Dienst-Süd -- JOURNAL/EURO
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