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Ricci Bitti: Wir müssen uns an den WADA-Code halten, der sehr strenge Vorschriften enthält. Die individuelle Behandlung jedes Dopingfalls ist aber notwendig in einem guten Antidopingsystem. Bis jetzt ist das System allerdings nicht perfekt und zu streng. Und darüber müssen wir uns Gedanken machen. Das Tennis-Tribunal hatte bisher vor allem den Unschuldsbeteuerungen der Spieler geglaubt, Entscheidungen wieder zurückgenommen und oft problematische Urteile gefällt. Ricci Bitti: Das Tennistribunal, auch das CAS, kann machen, was es will. Wir müssen sie akzeptieren, auch wenn uns etwas nicht passt, sonst wären sie nicht unabhängig. Es ist natürlich immer problematisch, wenn Menschen der verschiedensten Länder und Kulturen Urteile fällen. Sie haben aber Recht, es darf nicht so viel hin und her bei den Urteilen geben und sie sollten auch nachvollziehbar sein. Woran lag es, dass in der Vergangenheit bei Dopingfällen im Tennis einiges schief lief? Ricci Bitti: Vielleicht an zu wenig Aufklärung. Ein Teil der Dopingfälle kam durch Unachtsamkeit und Irrtümer zustande und nicht durch Betrug. Die Spieler haben nicht aufgepasst, waren leichtsinnig oder unwissend. Wir wollen deshalb bei den großen Turnieren ein Erziehungs- und Aufklärungsprogramm gegen Unachtsamkeit zusammen mit der ATP und WTA starten. Seit Jahren sagen Tennisinsider, niemand wisse, wie anfällig Tennisspieler für Doping sind, bevor nicht viel mehr unerwartete Trainingskontrollen gemacht werden. Die Zahl der Trainingskontrollen im Tennis sollte auch erhöht werden. Doch nicht mehr Kontrollen, sondern weniger, in 2004 gerade mal 22, wurden gemacht. Warum scheut man Überraschungskontrollen? Ricci Bitti: Trainingskontrollen im Tennis sind schwierig zu machen, weil Woche für Woche Turniere stattfinden und die Spieler keine Auszeit haben. Und dass es zu weniger Trainingskontrollen kam, lag am Geld. Die WADA hatte ihre Trainingskontrollen für alle Sportarten aus Budgetgründen stark eingeschränkt, während wir unsere wenigstens etwa auf gleicher Höhe gehalten haben. Dass die Tennisspieler keine Auszeiten haben, stimmt nicht. Sie spielen meist nur zwischen 15 und 25 Turniere während der 52 Wochen im Jahr. Und am Geld kann es auch nicht liegen bei den Summen die im Profitennis fließen. Ricci Bitti: Natürlich glaubt niemand, alles sei perfekt. Wir arbeiten aber intensiv daran, unser Anti-Dopingprogramm zu verbessern. Zum ersten Mal werden wir deshalb auch mit 20 bis 30 der besten Spieler und Spielerinnen über ein Programm für Trainingskontrollen sprechen. Wir können dann mit diesen Informationen effektiver an die Kontrollen herangehen und werden sie auch erhöhen. Es ist natürlich auch ein Kostenfaktor. Wir können nicht jedem Spieler überall hinterher rennen. Ich glaube, ein bis zwei Millionen Dollar, die wir für Dopingkontrollen investieren, sind mehr als genug. Wäre es nicht besser, die Zahl der angesagten Turnierkontrollen, mehr als 1.500 in 2005, zu reduzieren und das Geld für unangesagte Trainingskontrollen zu verwenden? Ricci Bitti: Die Kontrollen bei Wettkämpfen müssen sein. Sie sind wichtig, weil hier betrogen wird. Wir müssen aber auch das Programm für Trainingskontrollen verbessern. Das Verhältnis von beiden wird mit der WADA und anderen Institutionen und Sportverbänden abgestimmt und kann verändert werden. Wir glauben, im Moment liegen wir richtig. Sie glauben also, dass die Kontrollen im Tennis effektiv sind und sie mit ihrem Anti-Dopingprogramm weitgehend alles richtig machen? Ricci Bitti: Jedes Programm kann besser gemacht werden. Es wird auch nie perfekt sein, allein schon, weil wir immer der medizinischen Entwicklung hinterher laufen. Wir müssen aber dranbleiben, um den Sport sauber zu halten, die Gesundheit der Sportler zu schützen und junge Menschen zu erziehen, betrügerische Praktiken zu meiden. Wir nehmen Doping sehr ernst. Wir glauben allerdings, Doping ist im Tennis nicht so verbreitet wie sonst im Sport.
Eberhard Pino Mueller
publiziert: Juni 2006 DTZ Deutsche Tennis Zeitung Tennisbibliothek TAKEOFF-PRESS Presse-Dienst-Süd -- JOURNAL/EURO
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