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John McEnroe
Mit Mikro und Kopfhörer
An der Bar, unterhalb der Glaskabinen für die Fernsehkommentatoren am Centre Court in Roland Garros, sitzt ein Mann. Allein. Der Mann mit einer buntgemusterten Krawatte trägt schwarz. Schwarze Hose, schwarzes Jackett und eine schwarze Baseballmütze.
Der Mann auf dem Barhocker ist John McEnroe. Sein Blick ist leer. Seine Gedanken irgendwo. Vielleicht denkt er an damals, an sein Spiel hier unten vor Jahren. Nie wird er dieses verdammte Spiel vergessen, das Endspiel gegen Ivan Lendl, die bitterste Niederlage seiner Laufbahn. Mit zwei zu null Sätzen lag er vorn, und der einzige ihm noch fehlende Grand Slam-Titel schien greifbar nah. Doch als er anfing, sich über einen Fotografen zu ärgern, verlor er den Faden und das Match. McEnroe atmet tief, um sich zu entspannen. Für NBC, den amerikanischen TV-Giganten, ist er da. Müde vom Kommentieren? "Aber nein", sagt Mac, "da unten zu spielen ist anstrengender." Dreieinhalb Stunden hatten sich Sampras und Courier hier gerade bekämpft. Danach schlich Sampras geschlagen vom Platz. Courier sagte nur "sorry Pete", denn er hatte seinem Freund auch die große Chance auf den Grand Slam vermasselt.
McEnroe meint, Pete habe heute nicht nur ein Match verloren, und der Amerikaner weiß, wovon er spricht. Der Job als Kommentator mache ihm Spaß, aber nur für vier oder fünf Wochen im Jahr. "Mehr ist nichts für mich", sagt Mac und weiter: "Ich kenne die Spieler und habe schon gegen fast alle gespielt. Das hilft mir." Was McEnroe tut, macht er richtig. "Ich habe mir mal eine Nacht um die Ohren gehauen, doch dann haben sie das Match nicht übertragen, und alle meine Spickzettel waren für die Katz." Ein Dutzend und mehr Exchampions, ein Newcombe, Amritraj, Pohmann, Drysdale, Dominguez, Marc Cox, Nastase oder eine Tracy Austin, Virginia Wade, Marcella Mesker sind wie McEnroe als TV-Kommentatoren ihrer Länder in Roland Garros im Einsatz. Dabei auch Tony Trabert, Fred Stolle, "Manolo" Santana, Andres Gimeno, Sue Barker und Virginia Ruzici, die hier schon zu Titelehren kamen.
Kein Abschied vom Tennis. Es zieht die Spieler im Ruhestand halt immer wieder an den Tatort zurück. Und es gribbelt auch noch wie früher. Gimeno, der seit zehn Jahren für das spanische Fernsehen arbeitet, sagt: „Am Mikro war ich anfangs nervöser als hier, 1972, in meinem Finale."
An das Leben nach Tennis musste sich McEnroe erst gewöhnen. Arbeit ist kein Thema. Geld hat er genug. Ohne Beschäftigung geht es ihm aber nicht gut. Um das Loch in seinem Leben auszufüllen, handelt er in New York mit Bildern. "Eine neue Erfahrung", sagt Mac, "ich hoffe, die Leute kommen aber nicht nur, weil ich berühmt bin."
Keine Sorge - nach Verlassen der Presse-Bar geht McEnroe im Gewühl der Zuschauer im Stadion unter - niemand hatte ihn da erkannt.
Eberhard Pino Mueller
publiziert: Juni 1994 DTZ - Deutsche Tennis Zeitung Tennisbibliothek TAKEOFF-PRESS Presse-Dienst-Süd -- JOURNAL/EURO
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