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Eigentlich so schlecht nicht, diese Einstellung. Eigene Fehler verdrängen, sich nicht schuldig fühlen - warum nicht? Ist doch besser, als mit einer negativen Einstellung zu sich selbst auf dem Platz herumzurennen. Tommy Haas weiß schon, worauf es ankommt, auch, wie man wichtige Punkte spielt. „Um die zu gewinnen", sagt er , „darf ich keine Zitterhand bekommen."
Und weil er in kritischen Situationen mutiger spielt, schlägt er plötzlich die Topspieler. „Tommy schlägt sie jetzt auch", so Michael Stich, „weil er an seine Stärken glaubt." Etwa an seinen Aufschlag, den er spielend mit 200 Sachen den Gegnern um die Ohren hauen kann. Auch an seine Vor- und Rückhand, die er, wie im Camp bei Nick Bollettieri auf Teufel komm raus gedrillt wird, furchtlos in die Ecken prügeln kann. Den Ball ohne Risiko zurückzubringen und auf Fehler des anderen zu warten, das ist sein Spiel nicht.
Tommy Haas ist, auch wenn man ihm das nicht ansieht, ein Tier auf dem Platz. Er ist bissig und wild darauf, zu gewinnen. Egal bei was und wenn es nur ein Essen oder ein paar hundert Dollar sind. Da hängt er sich rein und macht schnell mal einen Agassi oder Sampras beim Training vor den Australian Open im Tiebreak weg.
Die Erfolge von Tommy Haas in letzter Zeit belegen, sein Spiel ist konstanter geworden. Das hat ihm gewaltigen Auftrieb und viel Zuversicht gegeben. Auch wenn es in Melbourne wieder knapp nichts war mit dem erträumten Grand Slam-Titel, die besten Jahre, hoffentlich, stehen ja noch bevor. Auch ein Ivan Lendl hatte sechs Jahre lang kein Glück bei Grand Slam-Turnieren, bis er endlich, im Alter von Tommy Haas, zuschlagen und danach noch 8 große Titel holen konnte.
Also weiter Hoffnung. Noch immer kann man sagen, die Zukunft gehört Tommy Haas. Er muss es aber noch beweisen wie Safin, Hewitt, Federer und ein paar andere im Kampf um das Erbe von Boris Becker, Pete Sampras und Andre Agassi. Doch es wird schwer werden, schwerer als früher. „Es ist keine Überraschung", sagt Sampras und er weiß inzwischen aus Erfahrung, wie es ist, „dass Topspieler in der ersten Runde verlieren. Das heißt nicht, dass wir viele Talente haben, es ist nur so, es gibt viele sehr gute Spieler, und die Topspieler sind nicht mehr so überragend wie in der Vergangenheit."
Tommy Haas blickt nach vorn. Die Australian Open hat er abgehakt: „Das Jahr ist lang, ich habe jetzt neue Ziele und werde alles geben." Alles geben - war dann wohl nicht. Nach unsinnigen Querelen mit dem Deutschen Tennis Verband gab Tommy Haas dem neuen Davis Cup-Teamchef Michael Stich ganz plötzlich einen Korb und trat gegen Kroatien nicht an. Zu dumm. Ohne Tommy Haas, als erprobten Leitwolf im Team, wurde Deutschland gleich abserviert. Damit also diesmal aus der Traum für Tommy Haas auf einen Sieg im Davis Cup, dabei wären die Chancen dafür mit dem kompletten Team und Michael Stich als Motivator so schlecht nicht mal gewesen.
Bleibt also nur, weiter zu hoffen - auf Roland Garros, Wimbledon oder Flushing Meadow. Nur die zählen. Tommy Haas hat es drauf, wenn er so weiterspielt wie in Australien. Also wirklich, der Traum des Achtjährigen ist noch nicht ausgeträumt.
Eberhard Pino Mueller
publiziert: April 2002 DTZ - Deutsche Tennis Zeitung Tennisbibliothek TAKEOFF-PRESS Presse-Dienst-Süd -- JOURNAL/EURO
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