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Nicolas Kiefer

Wenn Kopf und Körper nicht harmonieren



Einmal, bei einem Tennisturnier, da sagte Nicolas Kiefer bevor er auf den Platz rausging: „Ich geh´ mal eben einen weghauen." Das war beim Junioren-Wettbewerb der US Open in New York, und Kiefer, damals 17 Jahre jung, meinte das nicht überheblich. Es war so.

Kiefer, das Riesentalent, machte dann auch bei den Profis zunächst seinen Weg. Als einer der acht Jahresbesten hatte er sich für die ATP-Weltmeisterschaft 1999 qualifiziert und sich anfangs 2000 bis auf Platz vier der Weltrangliste vorgespielt.

Danach ging es aber mit Kiefer stetig abwärts und von Mitte Oktober 2001 bis zu den Gerry Weber Open 2002  hatten seine Gegner fast immer ihn gleich weggehauen, jedenfalls lassen sich seine Siege in dieser Zeit an den Fingern einer Hand abzählen.

Nach den Niederlagen in Melbourne, Monte Carlo, Hamburg oder Paris meinte Kiefer immer, mit Geduld und etwas Glück werde es schon wieder werden, „ich muss nur hart arbeiten." Wie also arbeitet Nicolas Kiefer, wie bereitet er sich auf ein Match vor, und was macht er an einem turnierfreien Tag?

Die Matchvorbereitung beginnt für Kiefer schon am Tag zuvor mit dem Schlafengehen. So um 9 Uhr am Abend, sagt er, lege er sich hin, dann sei er um 6 Uhr morgens wach. „Ich schlafe gern lang, um die  8 bis 10 Stunden, stelle mir aber, um ja nicht zu verschlafen, auch noch einen Wecker." Mindestens vier Stunden müsse er wach sein vor einem Match, dann sei er okay.

Nach dem Aufstehen, so Kiefer, laufe er zuerst mal 30 Minuten ganz locker, um munter zu werden und den Kreislauf in Schwung zu bringen. Danach mache er sich frisch, schön gemütlich und ohne Hektik, zu allem lasse er sich Zeit. Anschließend geht es zum Frühstück. „Ich esse", sagt er, „ziemlich quer Beet: Müsli, Früchte, Brot, Käse, Marmelade, aber keine Wurst und kein Fett, also ganz gesund und trinke dazu keinen Kaffee sondern Tee und Säfte." 

Danach packt Kiefer seine Sachen zusammen und fährt mit seinem Coach auf die Anlage.  Dort spielt er sich mit verschiedenen Partnern  oder seinem Coach etwa 30 Minuten zum Aufwärmen ein, wobei alle Schläge durchexerziert werden. Bis kurz vor dem Match hängt Kiefer dann nur noch rum. Da brauche er keine Massage, auch keine mentalen Geschichten, noch nicht mal seiner Lieblingsmannschaft, den Bayern,  würde er zugucken, wenn die gerade spielen würden. „Nein, im Ernst," sagt er, „da lasse ich mich durch nichts stören, auch wenn es laut im Raum ist." Die Spannung, so Kiefer, wachse vor einem Spiel, das sei normal und gut so, denn „nur wenn ich innerlich angespannt bin, kann ich auf dem Platz voll Gas geben."

In den letzten zehn Minuten vor einem Match geht es mit dem Coach dann noch einmal in den Umkleideraum, um die Taktik und Strategie in Bezug auf den Gegner und das eigene Spiel kurz durchzusprechen. „Wenn ich dann auf den Platz marschiere", sagt Kiefer, „bin ich frei im Kopf, da mach´ ich mir keine Gedanken mehr, warum auch, das lenkt doch nur ab."







Beim Einschlagen bewegt er sich locker, um, wenn es losgeht, rennen und draufhauen zu können. Zuerst mal, sagt Kiefer, „gucke ich, wie es läuft und baue dann mein Spiel auf wie beim Schach. Ich versuche aggressiv zu spielen, das ist mein Spiel, was aber zu Beginn nicht immer gleich gelingt." In den Pausen, in denen Kiefer viel trinkt und Bananen oder etwas Schokolade futtert, sei  wichtig, dass der Puls, der im Spiel oft ganz schön oben ist, ein wenig runter gehe.

Nach dem Match, sagt er, „muss ich erst mal eine halbe Stunde relaxen, mich abreagieren und einfach im Locker ruhig herumsitzen, etwas trinken und lesen." Danach ist Stretching mit dem Coach oder einem Physiotherapeuten für 20 Minuten an der Reihe, bevor es ab zur Pressekonferenz, dem Fernsehen und zu den Fotografen geht. Dann wird gegessen, meistens eine Pasta mit Sauce, eben viele Kohlehydrate, ein Limo getrunken, und schließlich lasse er sich noch massieren.

An turnierfreien Tagen oder vor einem Turnier schläft Kiefer etwas länger aus, auch gönnt er sich dann oft ein Mittagsschläfchen. Dazu Kiefer: „Soll ja nicht schlecht sein - oder?". Zusätzlich steht auch Hanteltraining und Seilspringen auf dem Programm. Kiefer: „Aber immer nur nach Lust und Laune, mal mehr, mal weniger."  Anstelle des Matches wird ein bis zwei Stunden trainiert und da systematisch an allem gearbeitet. Ein guter Trainer, so Kiefer, sei wichtig. Er habe schon viele gehabt,  „jeder hatte sein System, von jedem habe ich gelernt und deshalb habe ich jedem gern zugehört."

Und was steht in der Freizeit an? Kiefer lacht, „denken sie nicht, ein Profi habe dafür viel Zeit." Es komme auch auf die Stadt oder den Ort an. Mal sei es Golf, mal Strand, mal Sightseeing oder Shopping, das übliche eben. Und sonst? „Ich surfe und chatte im Internet", sagt Kiefer, „da erzähl´ ich meinen Freunden, was los ist, was es so gibt. Das macht Spaß. Den Computer habe ich immer bei mir, er ist mein bester Freund."

Hört sich gut an, was Kiefer so macht. Doch warum dieser Abstieg mit all den Pleiten? Und warum plötzlich in Halle, bei den Gerry Weber Open, ein Kiefer, der seine Gegner wieder wegmachte? Waren Kopf und Körper bei Kiefer eine Zeitlang nicht im Einklang? Ja, was nützen Talent, die besten Trainer, hartes Training und Disziplin, wenn man sich zu wenig zutraut, Angst vor dem Verlieren und keinen Spaß im Wettkampf hat?

Bei den Gerry Weber Open scheint Kiefer sich gefangen zu haben. Er kam nicht an und sagte: „Oh Gott, hoffentlich flieg ich nicht wieder gleich raus", sondern „ich mag Gras, das ist mein Lieblingsbelag." Und siehe da, mit positivem Denken bekam er Spaß am Tennis, und schon kam er ins Finale - also, er  kann es doch, wenn er an sich glaubt.

                                           Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Juli 2002  DTZ -  Deutsche Tennis Zeitung
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