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Alexander Waske - Der Spätstarter
Er ist anders als seine Berufskollegen. Auch sein ganzes Sportlerleben war anders. So anders, dass es ihn eigentlich als Tennisprofi auf der Tour gar nicht geben dürfte.
Anders ist dieser Alexander Waske auch bei den Gerry Weber Open gewesen, an jenem Mittwochnachmittag, als er Rafael Nadal sensationell besiegt hatte. Der 195. der Weltrangliste die Nummer zwei, den spanischen Tennis-Superstar, der zuvor 24 Matches in Folge, sechs Turniere in 2005 und zuletzt die French Open in Paris gewonnen hatte.
Geduldig und wie selbstverständlich hat er an diesem ungewöhnlichen Tag in Halle auch einzelne Interviewwünsche erfüllt und viel über sich erzählt. „Komisch", sagte er, „ich fühl' mich jetzt nicht, als ob ich den Mont Everest bestiegen hätte. Alle meinen nun, dies sei mein größter Erfolg. Doch das größte Ding in meinem Tennisleben, das waren die 'sweet-sixteens' auf dem College."
Es ist merkwürdig, aber eben auch typisch Waske, dass er sich an so einem großartigen Tag an frühere Tennistage mit ganz anderen Träumen erinnert. An sein International Business Studium mit einem befristeten Stipendium als Tennisspieler an der San Diego State University. An das dritte College-Jahr, als er für Wohnen, Essen und das Leben selbst aufkommen musste, weil der Tenniscoach für die acht Kaderspieler nur vier Stipendien zur Verfügung hatte. An die harte Zeit, als er sich die billigsten Nudeln, einen Fraß, der „beschissen" schmeckte, im Supermarkt kaufen musste. An das Tennisteam, für das er sich verrissen hat, weil er so leidenschaftlich dabei war. An das Jahr 2000, sein letztes auf dem College, als sein Tennisteam sich für die NCAA, die Ausscheidungskämpfe der besten 64 Mannschaften in Amerika, qualifizierte.
Und an den Tag, als sie gegen das in Amerika an drei gesetzte Team antraten. „Die hatten", so Waske mit funkelnden Augen, „eine große Klappe und waren siegessicher. Doch dann haben wir sie 4:2 rasiert. Das war unglaublich, denn noch nie hatte San Diego das Finale der besten 16 amerikanischen Teams, die 'sweet-sixteens', den krönenden Abschluss der jährlichen College-Meisterschaften geschafft. Das war der größte Moment für mich und auch unheimlich wichtig, weil ich dafür viel investiert hatte."
Ungewöhnlich, was Waske aus seinem Leben dann gemacht hat. Dass einer, der seine Schläger selber kaufen musste, nach Abitur, einer zweijährigen Banklehre, einem Jahr Bundeswehr als Sanitätssoldat und drei Jahren High School, mit 25 Jahren Tennisprofi werden will, ist nicht normal. Ein bisschen hatten ihn seine amerikanischen Coachs Larry Willens und John Nelson dazu verleitet. „Larry und John", sagt Waske, „verdanke ich mein Tennis, mein Angriffsspiel, meine Doppelstärke und professionelles Verhalten. Die haben auch gleich an mich geglaubt, und Larry hat mir schon, als ich nicht mal einen Punkt auf der Weltrangliste hatte, prophezeit, dass ich es unter die Top-100 schaffen kann."
Und wirklich, 2003 war Waske die Nummer 100 der Welt, die Nummer 3 in Deutschland und deutscher Mannschaftsmeister mit ETUF Essen. Es kam aber noch besser. Seine besonderen Qualitäten im Team und als Doppelspieler sind auch Patrik Kühnen, dem deutschen Davis Cup-Teamchef aufgefallen. Inzwischen ist Waske ein wichtiger Mann in der Davis Cup-Mannschaft. Auch hatte er mit Tommy Haas alle entscheidenden Doppelpunkte beim World Team Cup, der Mannschaftsweltmeisterschaft in Düsseldorf, geholt.
„Ich war", so Waske, „nach diesem unerwarteten Erfolg völlig platt, nicht körperlich, sondern mental ausgelaugt. Ich fühlte, als ich mit meinem Auto von Düsseldorf nach Frankfurt fuhr, nur eine wahnsinnige Leere. Weltmeister zu sein, das war so irre, das musst ich erst verdauen."
Was wäre aus Alexander Waske wohl geworden, wenn er nicht so viel Zeit vor seiner Tenniskarriere verloren hätte? „In Deutschland möglicherweise kein guter Tennisprofi", wendet Waske sofort ein, „mir liegt die coole amerikanische Art, der Traum, es zu etwas zu bringen und positiv zu denken. Die oft negative Einstellung der Deutschen ist hinderlich bei der Karriere."
Waskes Erfolge mit 30 Jahren sind möglich, weil er sich immer voll reinhängt
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