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Philipp Kohlschreiber

          „Für mich gab's immer nur Tennis"

Für einen 23-Jährigen hat es der Tennisspieler Philipp Kohlschreiber schon ziemlich weit gebracht in seinem Leben. Oder wer hat schon in seinem Alter mehr als eine Million verdient? Neulich erst, beim Masters Turnier in Monte Carlo, war ein großer Zahltag. Da sackte Kohlschreiber schnell mal in einer Woche 42.000 Euro ein. Und zwei Wochen später, in München bei den BMW Open, gleich noch ein Super-Ding. Diesmal auf dem Iphitos Gelände, wo er als Bub für den Verein in der zweiten Bundesliga mitgemischt hatte,  64.470 Euro für seine Turniersiege im Einzel und Doppel und dazu, nebenbei als Geschenk des Hauptsponsors, noch ein BMW-Cabrio im Wert von 50.000 Euro. 

Wie ein kleiner Held wurde Kohlschreiber auch beim Davis Cup gegen Belgien vor wenigen Wochen gefeiert. Beherzt und respektlos hatte der Jüngste im Team gegen den auf der Weltrangliste 22 Plätze vor ihm liegenden Olivier Rochus aufgespielt und mit einem Sieg bei seinem ersten Davis Cup-Einsatz dazu beigetragen, dass Deutschland nach zwölf Jahren mal wieder den Sprung ins Halbfinale schaffte.

Ist Kohlschreiber, der auch schon Top-Ten-Spieler wie Lleyton Hewitt, Nikolai Davydenko und David Nalbandian als Verlierer vom Platz geschickt hatte, also ein richtig guter Tennisprofi? Er selbst glaubt, einer zu sein. Er ist von sich überzeugt. Total. „Meine Schläge sind gut", sagt er, „zu den Topspielern gibt es nur kleine Unterschiede. Da fehlt nicht viel." Selbst vor Kalibern wie einem Roddick oder Nadal macht er sich nicht in die Hose. Im Gegenteil. In Melbourne 2007 kündigte Kohlschreiber doch tatsächlich vor seinem Match gegen den Spanier an, er wisse wie Nadal spiele „und deshalb werde ich das Spiel diktieren." Und wirklich, Nadal musste alles geben, um das Match knapp zu gewinnen. 

Sich mit Kohlschreiber zu unterhalten, ist übrigens immer sehr amüsant. Er sagt, was er denkt und redet flott daher. Gefragt, wie er denn erzogen worden sei? Kohlschreiber: „Ganz gut, bin doch ein netter, junger Mann." Was er von den Topspielern halte? „Jeder Gegner ist machbar. Ich fürchte mich nicht, egal wer kommt." Wen er cool finde? „Mich, ich bin doch ein cooler Typ." Was er bei den Australian Open gelernt habe? „Nicht viel, ich habe schon alles gewusst." Oder vor dem Finale der BMW Open: „Wenn man im Finale steht, will man nicht Zweiter werden." Auch wenn er schlecht gespielt und verloren hat, fällt ihm dazu immer etwas Positives ein. Mit hängenden Schultern jedenfalls sieht man ihn nie herumlaufen. 

Natürlich ist einer, der sich in Monte Carlo noch über die Qualifikation ins Hauptfeld spielen musste, keiner der Stars. Aber ein Platz unter den besten Vierzig inzwischen, ist so schlecht nicht. Seit seinem 14. Lebensjahr hatte Kohlschreiber hart für den Erfolg trainiert. Zuerst vier Jahre mit Stefan Eriksson, dann weitere vier mit Michael Geserer im Bayrischen Leistungszentrum und jetzt mit Markus Wislsperger, der ihn als Tourcoach seit einem Jahr betreut. „Meine Lehrer in der Schule", erzählt er, „haben immer zu mir gesagt, du musst ein zweites Standbein haben. Für mich gab's aber immer nur Tennis. Über einen anderen Beruf habe ich mir eigentlich nie Gedanken gemacht."

Und wenn Kohlschreiber so weiter macht, braucht er sich um die Zukunft nicht zu sorgen. Dabei geht es ihm nicht einmal so sehr um die Moneten. „Das schöne Preisgeld", sagt er, „nimmt

man gern mit, wobei davon in meinen ersten Profijahren 70 bis 80 Prozent für Unterhalt und Reisekosten weggingen. Was mich viel mehr antreibt, ist Ehrgeiz und Spaß am Gewinnen. Das Gefühl dabei ist einfach toll."

Das tolle Gefühl hat Kohlschreiber inzwischen mehr und mehr. Und warum nicht schon früher? „Weil andere, die die Schule sausen ließen, vielleicht schon früher abgebrühter und erfahrener waren. Ich muss ja auch nicht", scherzt Kohlschreiber, „so schnell die Nummer eins sein, die zwei tut's mir auch."  Er sei sogar froh, nicht plötzlich nach oben geschossen zu sein und dann wieder runter. „Solange es immer nach oben geht, ich mich also verbessere, sind es gute Jahre."

Der Bayer hat inzwischen einen Wohnsitz in der Schweiz, in Altstätten bei St. Gallen.  Doch da ist er nur selten. Auch nur noch gelegentlich in München, wo er dann wie früher im Leistungszentrum trainiert und wo seine Freundin Lena, die Tochter eines Arztes, herkommt. „Ich bin eigentlich heimatlos", sagt Kohlschreiber, ich lebe auf den Turnieren aus dem Koffer, denn mehr als 30 Wochen im Jahr bin ich unterwegs."     

Gut dass Lena, die im Tennis mit 13 und 14 Jahren die Nummer drei in Bayern war und jetzt ihr Fernabitur macht, fast bei jedem Turnier dabei ist und ihn unterstützt. „Sie ist ein wichtiger Faktor in meinem Leben", steht auf seiner Homepage, „mein Leben als Profi könnte ich mir ohne meine Freundin nicht mehr vorstellen." Kohlschreiber wollte den BMW-Sportwagen in München seiner Lena schenken. Er ließ sich denn auch gleich im Siegestaumel nach dem Matchball auf die Knie und den Schläger in den Sand fallen und machte mit parallel nach vorn gestreckten Armen in Richtung Freundin vor, wie man ein Lenkrad hin und her dreht. Doch wenig später, als er in dem Cabrio saß, hat es ihn so gejuckt, dass er den tollen Flitzer nicht mehr hergeben wollte. „Ich", meinte er nun, „ich fahr' das Auto lieber selbst."

Fragt man Kohlschreiber, wie das mit seinem Leben als Sportler so sei, guckt er einen lächelnd an und antwortet: „Ach, mir wäre am Liebsten, niemand würde mich, wenn ich durch die Stadt gehe, erkennen. Ehrlich, ich will nicht berühmt sein, ich will eigentlich nur super Tennis spielen." Klingt so gar nicht nach Kohlschreiber, der doch, typisch bayrisch, gern kernige Sprüche von sich gibt.

Klar, dass so einer, der auch noch an seinem Job Spaß hat, vorankommt und zudem eine gute Figur auf dem Platz abgibt. Wer von den Tennisprofis kann sagen, er habe noch nie eine Strafe bei einem Turnier zahlen müssen? Nur zwei. Roger Federer und Kohlschreiber. „Darauf bin ich stolz", sagt Kohlschreiber. „Man muss doch nicht gleich das Arbeitsgerät kaputt machen. Ich versuch' mich im Match zusammen zu reißen und mach mir mein Spiel doch nicht kaputt, auch wenn das nicht immer leicht ist." 

Ist der Wettkampftyp Philipp Eberhard Hermann Kohlschreiber - die zusätzlichen Vornamen stammen von seinen Taufpaten - auf dem Weg zu einem Tennisstar? Naja, die Nummer zwei, das war nicht ernst gemeint und wäre zu schön. Aber die Top zwanzig oder vielleicht sogar die Top zehn sind schon Träume des ehrgeizigen, sympathischen Kerls. Kohlschreibers Ziel in diesem Jahr ist ein Platz unter den besten Dreißig. Mindestens. Und da ist er schon ganz nah dran. „Doch der Weg nach oben", sagt Kohlschreiber,  „ist hart. Macht aber nichts. Ich freu' mich jedenfalls immer auf jedes Match."
                                                     
Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Juni 2007  DTZ -  Deutsche Tennis Zeitung
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