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Kristina Barrois
Ministerium oder Profitour: Eine Inspektorin auf „Abwegen"
Sie könnte als Regierungsinspektorin im saarländischen Justizministerium arbeiten. Auf einem bequemen Bürostuhl sitzen und gemütliche Kaffeepausen machen. Fünf Tage in der Woche geregelten Arbeitszeiten nachgehen und sich über einen sicheren Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst mit vielen Vergünstigungen und gutem Gehalt freuen. Kristina Barrois hatte einen Job, von dem Millionen junger Frauen träumen. Mit einem Mal, vor drei Jahren, wollte Kristina Barrois aber plötzlich noch etwas anders in ihrem Leben machen: „Da kam mir, was bis dahin kein Thema für mich war, es mal auf der Profi-Tennistour zu probieren, und deshalb ließ ich mich Ende 2004 nach meiner Ausbildung für drei Jahre suspendieren." Nun ja, und so kommt es, dass die Saarländerin nach dem Training des deutschen Fed-Cup-Teams in der Züricher Saalsporthalle an einem Tisch im Pressezentrum sitzt und statt Verwaltungsarbeit in einem Ministerium zu machen, über ihr Tennisleben erzählt. Ungewöhnlich und ziemlich anders der Weg von Kristina Barrois zum Profitennis. Sie war kein Kind von Tenniseltern. „In meiner Familie spielte absolut keiner Tennis", sagt meine Gesprächspartnerin. „Ich hab' von ganz allein angefangen. Zuerst mit einem Softball." Sie sei dann, obwohl sie generell alle Ballsportarten gemocht und Fußball, Tischtennis und in der Schule Basketball gespielte habe, beim Tennis hängen geblieben. Die Spielerinnen der Profitour haben mit Tennis fast immer schon sehr früh begonnen und den Sport auch sehr intensiv und gezielt betrieben. Nicht so Kristina Barrois. „Zum Verein, der in unserem kleinen Ort eigentlich nur fünf Minuten weg war, bin ich überhaupt erst so mit zehn Jahren gegangen", erzählt sie. „Ich bin eine Spätstarterin. Ich hab' nur im Saarland gespielt, nie bei deutschen Jugendmeisterschaften und auch nie gezeigt, da könnte was draus werden. Ich war nie auffällig. Ja, ich hab' das nicht so intensiv gesehen und anfangs auch nur zweimal in der Woche trainiert. Es wurde erst mehr, als ich gemerkt habe, dass ich ganz gut mitspielen kann." Irgendwie „reingerutscht" sei sie 2004 in die richtige Tennisszene, sagt Kristina Barrois, die dabei schmunzeln muss: „Gleich bei meinem ersten ITF-Turnier meiner Karriere in Bielefeld holte ich den Titel und deutsche Vizemeisterin 2004 wurde ich auch noch nebenbei." Niemand konnte das erwarten. Nicht einmal Kristina Barrois selbst: „Ich hab' mir Tennis doch mehr oder weniger selbst beigebracht. Von Anfang an. Es hat mich keiner dazu gebracht. Ich hatte auch nie Unterstützung. Erst 2005, am Anfang meiner Profikarriere, gab's etwas zwei Jahre lang vom saarländischen Verband." Natürlich gibt es ein paar Leute, die für Kristina Barrois Tenniskarriere wichtig waren. Bernd Franke beispielsweise, der Ex-Torhüter in Braunschweig. „Wir kennen uns schon über zehn Jahre. Irgendwann mal", erinnert sich die inzwischen 27-Jährige, „hat er mich angesprochen und gefragt, willst du mit mir laufen. Und so kommt es, dass er seitdem meine Kondi macht." Oder Andreas Spaniol. „Der Andy ist mein Tennistrainer. Ich kenn' ihn von früher. Wir sind etwa gleich alt, haben aber erst letztes Jahr zusammen angefangen. Vorher hat mich Patrick Schmidt trainiert. Zuerst im Klub und dann auch als Bezirkstrainer." Und sonst? Um das ganze Drumherum kümmert sich Kristina Barrois mehr oder weniger allein. Sie hat dafür auf Reisen ihren Laptop dabei. „Den brauch' ich immer, um der Dopingagentur Nada mitzuteilen, wo ich bin. Ist doch manchmal unser größtes Problem", sagt sie und lacht dabei. „Nee, nee, auch Turniere, Flüge, Hotels organisiere und buche ich übers Internet. Mach' ich alles selbst. Da bin ich auch ein bisschen stolz, dass das alles so läuft." Es lief auch gleich recht gut im Tennis. In den ersten beiden Profijahren holte Kristina Barrois neun Einzel- und vier Doppeltitel auf ITF-Turnieren. Dann ein Rückschlag. Eine Schulterverletzung 2007, monatelang kein Tennis und futsch war fast das ganze Tennisjahr. Die Nummer eins im Damenteam des Stuttgarter Tennisclub Waldau ließ sich aber nicht unterkriegen. Thomas Birkle, der Mannschaftsführer und Clubmanager, lobt Kristina Barrois deshalb auch in jeder Hinsicht. Sie habe sich wieder selbst aus dem Tief gezogen, lebe ganz für den Sport und sei eine Arbeiterin, ein Kämpfertyp und außerdem sehr nett. Sie komme in diesem Jahr auf das Mannschaftsplakat. Das habe sie sich verdient. Kristina Barrois liebt Tennis. Es scheint sogar ein bisschen mehr als die anderen, was wohl daran liegt, dass sie sich erst spät richtig dafür entschie
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den hatte. „Tennis hat mich gepackt", gesteht sie, „und es wird momentan irgendwie immer intensiver. Ich versuch' meinen Sport, obwohl er hart ist, aber auch zu genießen." Und es gab dafür besondere Gelegenheiten. So in New York bei den US Open. „Ich durfte da auf dem Platz im größten Tennisstadion der Welt gegen die Weltranglistenerste Amélie Mauresmo spielen. Das war schon ein Highlight. Wie auch das Match gegen die Olympiasiegerin Elena Dementieva in diesem Jahr im Melbourne Park. Nur schade, da mach' ich ein richtig gutes Match und kann es am Ende nicht gewinnen." „In kleinen Schritten", so Kristina Barrois, „versuch' ich mich zu verbessern. Ich will ja in der Rangliste auch noch ein gutes Stück vorkommen. Ich bin da nicht unrealistisch. Es gehört aber viel dazu. Ich muss gesund bleiben, auch Glück haben und weiter hart arbeiten. Druck hab' ich keinen und mach' mir auch keinen." Die Freistellung vom Dienst war 2007, nach drei Jahren, eigentlich vorbei. Nach ihrer langen, verletzungsbedingten Zwangspause hat man ihr aber weitere drei Jahre Aufschub gegeben. Kristina Barrois muss sich nun erst 2011 für das Ministerium oder Tennis entscheiden. „Da bin ich dann fast dreißig", sagt die zweifache deutsche Meisterin grinsend, „also lass ich das mal auf mich zukommen und vielleicht regelt sich das dann alles von allein."
Kristina Barrois - über sich, Tennis und Liebhabereien
Barrois klingt nicht deutsch… K. Barrois: Der Name kommt aus Frankreich. Ich hab' da aber keine Vorfahren und kann noch nicht mal französisch. Was fasziniert Sie an Tennis? K. Barrois: Der Kampf Frau gegen Frau oder Mann gegen Mann, wie man sagt, weil man allein für sich auf dem Platz verantwortlich ist. Welches sind Ihre Lieblingsturniere? K. Barrois: Eigentlich Wimbledon, wegen der Tradition und des Rasens, auf dem ich gern spiele. Und der Porsche Cup in Stuttgart. Mit das beste und schönste Turnier, nur leider jetzt auf Sand. Mit wem würden Sie gern mal Tennis spielen? K. Barrois: Mit Henin, na ja, zu spät. Oder mit Steffi Graf. Sie war immer mein Vorbild. Und mit Roger Federer bei den Herren. Ihre emotionalsten Tennismomente? K. Barrois: Meine zwei deutsche Meistertitel, weil da meine Eltern waren, die sonst nie dabei sind. Oder als ich direkt nach der Niederlage gegen Mauresmo mit Tränen in den Augen kein Interview mehr geben konnte. Oder als Federer, nach verlorenem Endspiel in Melbourne, die Tränen runterliefen und ihm die Worte im Mund stecken blieben, da hab' ich gleich mitgeheult. Was sagt man Ihnen nach? K. Barrois: Ich sei ruhig, nett, offen und zuvorkommend. Auch jemand, der im Team aufmerksam den anderen immer helfen will. Was mögen Sie an andern nicht? K. Barrois: Wenn jemand lügt oder neidisch ist, was ja leider auf der Damentour oft vorkommt. Können Sie kochen? K. Barrois: Nee! Also das Wichtigste krieg ich hin. Das Übliche halt. Nudeln aller Art und Pizza. Aber ich bin keine, die sich gern an den Herd stellt. Machen Sie auch Lustkäufe oder was machen Sie mit Geld? K. Barrois: Oh Gott, nee, ich kauf' meist nichts Besonderes ein. Also auch keine verrückten Sachen. Mit Geld geh' ich auch kein Risiko ein. Also keine Aktien. So bin ich erzogen worden. Da bin ich altmodisch. Was haben Sie für ein Auto? K. Barrois: Einen Fiat Bravo. Ein schönes Auto. Ich bin kein Autofreak, von daher ist es auch mein Lieblingsauto. Ich bin froh, dass ich es umsonst von einem Autohaus bei uns gestellt bekomme. Was schauen Sie im Fernsehen an und wo zappen Sie weg? K. Barrois: Ich guck' gern Serien und sonst halt Filme und Komödien. Auf langweilige Talk Shows dagegen hab' ich keinen Bock. Haben Sie eine Lieblingsstadt? K. Barrois: New York und Berlin sind schön. Da hat es mir immer gut gefallen. Was machen Sie gern neben Tennis? K. Barrois: Ich lese Sportlerbiographien, gerade eine über Dirk Nowitzki. Ich höre auch gern Musik. Rock und Pop. Und spiel' auch gern Fußball, wie alle in meiner Familie. Früher war ich so gut, dass ich in die Damenmannschaft kam.
publiziert: Mai 2009 DTZ + Tennisportal Takeoff-Press Eberhard Pino Mueller
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